Es ist 5 Uhr morgens. Mama liegt wach im Bett und hat mal Zeit.

Zeit für diese Zeilen und Zeit um nachzudenken. Im hektischen Alltag, in dem zwar die Uhren oft stillstehen, aber ständig irgendeiner deine Aufmerksamkeit fordert, ist es schwer still zu werden, Gedanken zu sortieren oder einfach mal vor sich hinzuträumen.

Das Wochenende war hart für mich. Mein Vortrag „Hilfe, mein Kind gehorcht nicht“ in Bad Mergentheim lief gut, aber durch ihn wurde ich auch mit der ersten richtigen Trennung von meinem heute 4-jährigen Sohn konfrontiert: Ich musste über Nacht weg.

Emil kam als Frühchen auf die Welt. Er war lange im Krankenhaus, auch ohne mich, und musste dort viel (alleine) aushalten. So wurde ich bei Untersuchungen immer rausgeschickt und habe ihn vom Nebenzimmer weinen / schreien hören. Ich durfte nicht zu ihm und konnte ihm nicht helfen.

Vieles aus dieser Situation prägt uns bis heute. Emil ist ein schüchterner Junge, ja, in manchen Situationen würde ich ihn sogar als sehr ängstlich bezeichnen. Er war immer ein Mama-Kind. Wir haben sehr lange gestillt – bis vor Kurzem – und da wir kindergartenfrei leben sind wir es gewohnt, immer zusammen zu sein.

 

Loslassen

Die erste halbe Stunde der Autofahrt habe ich geweint.

Autsch, tat das weh! Es fühlte sich an, als ob jemand mein Herz rausreißt.

Mit jedem Kilometer, den ich mich weiter von unserem zu Hause entfernte, fühlte es sich schlimmer an.

Meine Mutter, die Finn (1) und mich zur Unterstützung begleitete, half mir mit tröstenden Worten. Und schon bald war ich abgelenkt und genoss es sogar, mit meiner Mama über Gott und die Welt zu philosophieren, ohne ständig unterbrochen zu werden.

Emil geht es sicher gut, dachte ich. Und so war es auch! Er hatte nun ganz viel Papa-Zeit, was für ihn auch etwas Besonderes ist, denn berufsbedingt ist er in dieser Hinsicht nicht verwöhnt.

Die größte Herausforderung sollte aber noch auf mich warten.

 

Die erste Nacht ohne Mama

Das Telefonat am nächsten Morgen war entspannt und fröhlich. Emil plauderte per Videotelefonie wie ein Wasserfall, erzählte mir jedes Detail des vorangegangenen Tages mit seinem Papa. Er war glücklich.

Und ist es nicht das, was uns Mamas ebenfalls glücklich machen sollte?

Wenn da nicht noch das innere Kind wäre, das sich mit eigenen frühen Kindheitsthemen rücksichtslos in den Vordergrund schiebt.

In meinem Falle kamen diese Themen unaufhaltsam hoch, als ich wieder nach Hause kam.

 

Nicht mehr an mich gebunden

Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit, dabei waren es eigentlich nur knapp über 24 Stunden, wieder nach Hause kamen, erwartete ich irgendwie, dass meine Familie auf mich zu rennt und sich freut, dass ich wieder zu Hause bin.

Erwartungen – auch so eine Sache…

Naja, zumindest hatte ich mir das erträumt. Aber meine Rückkehr gestaltete sich irgendwie anders. Mein Großer saß auf dem Wohnzimmertisch und war in sein Spiel vertieft. Er sortierte gerade die Werkstatt-Kleinteile. Wichtiger Job, klar. 😉

Ich setzte mich neben ihn und wartete.

Nichts.

Ich sagte „hallo“.

Er, den Blick auf die Kleinteile gerichtet: „Wo ist denn nur die blaue Schraube hin?“

Mir stiegen die Tränen in die Augen.

Da war sie: Die kleine Jenny, mit ihren hellblonden Löckchen, und forderte ihre Aufmerksamkeit. Ignoriert zu werden, ja, das kennt sie gut. Das tut weh.

Ich stand auf, ging ins Bad und vergrub mein Gesicht schluchzend in meinen Händen.

Verdammt, dieser Schmerz…

Mir mit meinem Wissen sollte doch klar sein, was da gerade passiert…

Und doch ist es ein großer Unterschied, wenn man selbst betroffen ist. Meine Freundin Silke formulierte es folgendermaßen: „Das eine bist Du als Beraterin, das andere bist Du als Mama“.

Meine Welt jedenfalls brach an diesem Nachmittag zusammen. All die Anspannung der letzten Wochen und Monate, die Vorbereitungen und Ausführungen des Vortrags, die erste große Trennung von meinem geliebten Sohn.

Als zwei Tage später eine Mail kam von Gisela Geist, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Stuttgart, ergriff ich die Chance, ihr von meinem Erlebnis zu erzählen.

Sie antwortete:

„Dass Emil diesen Tag ohne Dich gut überstanden hat beweist, dass Du gute Bindungsarbeit gemacht hast die ersten Lebensjahre.

Wie Du auch meinen Texten entnehmen kannst, ist die „Triangulierung“ – dass das Kind sich langsam (schon vom ersten / zweiten Lebensjahr an) aus der Einheitsbeziehung mit der Mutter lösen kann und sich doch geborgen fühlen kann in der 3-er-Beziehung Vater-Mutter-Kind ist ganz wichtig für seine Identitäts- und gesunde Autonomieentwicklung.

Wenn sich die sichere Bindung beim Kind genug verinnerlicht hat, will es sich auch von der Mutter zeitweise entfernen und Beziehungen zu anderen Menschen aufnehmen. Das ist gesund und kann eine große Bereicherung für ein Kind sein. Gerade der Vater ist auch sehr wichtig zur männlichen Identitätsentwicklung.

Wichtig dabei ist, dass Du auch Freude haben kannst an der Selbständigkeit, die Dein Kind gewinnt und dass Du es nicht zurückhältst durch Dein möglicherweise schlechtes Gewissen oder Deine Nähebedürfnisse!

Denn das spürt Dein Kind und das wird es hemmen in seiner gesunden Autonomieentwicklung.

Auch ein 2-Jähriges Kind, das sicher gebunden ist, kann gut ein, zwei Tage ohne die Mama zurechtkommen, vor allem, wenn es Bindung zu seinem Papa aufnehmen konnte.

Dein 4-Jähriger Emil hat es sogar offenbar genossen, Freiraum zu haben dafür, sich mit dem Papa zu verbinden. Freu Dich darüber! Es gibt allen das rechte Maß an Freiheit, Sicherheit und Beziehung untereinander als ganze Familie.“

Während ich diesen Text tippe, sehe ich zu meinen schlafenden Kindern rüber, die so wunderbar sind, wie ich es mir nur wünschen kann. So unterschiedlich in ihrem Wesen, beide so perfekt, auf ihre ganz eigene Art und Weise.

Ich schließe die Augen und stelle mir vor, dass ich die genauso perfekte kleine Jenny in den Arm nehme, fest an mich drücke und auch ihr all die Aufmerksamkeit schenke, die sie so sehr braucht.