Ich sitze am Schreibtisch, schaue auf das Dach des Nachbarn.

In meinem Bauch zieht sich alles zusammen. Tränen steigen mir in die Augen. Ich bin verwirrt. Eigentlich dachte ich, mich kann nichts mehr schockieren. Ich habe so viel gelesen über die Zustände in Kinderkrippen und Kindergärten, habe selbst eigene – wenn auch kurze – Erfahrungen mit unserem großen Sohn machen müssen, doch das, was meine Ohren in diesem Moment hören, zieht mir den Boden unter den Füßen weg.

Vor mir auf dem Schreibtisch liegt mein Handy. Auf diesem Handy befinden sich zig Sprach- und Videonachrichten von meiner lieben Bekannten, selbst zertifizierte Kindheitspädagogin. In diesen Nachrichten erzählen ihre Kinder (heute 11 und 6 Jahre alt) von Situationen, die sie im Kindergarten erlebt haben. Bisher habe ich nur reingehört. Ich bin nervös, was ich gleich erfahren soll.

Mäuschen spielen müsste man können, dachte ich bisher. So vieles bleibt in den Räumen, dringt nicht nach außen. Die Kinder sind noch nicht so wortgewandt, dass sie das Erlebte in eigene Worte fassen könnten, und, was noch viel schlimmer ist, sie haben noch kein Bewusstsein für „richtig“ und für „falsch“, das heißt, das, was sie erfahren, wird von ihnen nicht bewertet. Warum sollten sie sich also bei den Eltern über etwas beschweren, was sie selbst gar nicht beurteilen können. Ein Kind, das im Elternhaus häusliche Gewalt erlebt, will trotzdem zu den Eltern zurück, wenn es gefragt wird. Nun kann man sich fragen: Wo beginnt „Gewalt“ und wo endet sie? Ist psychische Gewalt ähnlich schlimm wie körperliche Gewalt? Oder vielleicht schlimmer, weil subtil? Was bricht die Seele mehr, darüber lässt sich womöglich streiten. Für mich sind beide Vorgehensweisen Gewalt am Kind. Ein Kind, das sich nicht wehren kann, das abhängig ist, ausgeliefert, das lernt, dass Gewalt normal ist. Wohin die Reise dieser Kinder als Erwachsene geht, können wir nur mutmaßen.

„Wie kommt es, dass deine Kinder dir das erzählen?“, frage ich die Mutter. Ihr sei wichtig, sich jeden Tag Zeit zu nehmen, um sich mit ihren vier Kindern zu unterhalten: „Wenn Kinder gewohnt sind zu erzählen, bekommt man irgendwann ziemlich viel erzählt.“

So sitze ich hier an meinem Schreibtisch und starte die erste von vielen Sprachnachrichten. Ich habe ein wenig Angst, was da jetzt wohl kommen mag – gleichzeitig bin ich auch gespannt.

Jessica* (11) beginnt ihren Bericht mit der Information, sie wäre als Kindergartenkind oft nicht mit auf Ausflüge gegangen, und wurde in dieser Zeit von den Erziehern und Erzieherinnen der Krippengruppe betreut. Als fast 6-jährige war sie dort eher eine Hilfe als eine zusätzliche Last.

Die kleinen Kinder liebten sie. Jessica verstand damals nicht, so sagt sie, dass die Kleinen hinter ihr herliefen, weil sie Nähe suchten, die sie von den Erziehern und Erzieherinnen nicht bekamen. Jessica spielte mit den Ein- bis Dreijährigen und sie schenkte ihnen Aufmerksamkeit. Die Erzieher und Erzieherinnen saßen auf der Bank, weit weg von den Kindern und unterhielten sich angeregt bei einer Tasse Kaffee. „Einen Ansprechpartner gab es nicht“, sagt Jessica heute.

Im Sommer wurde für die Kleinen ein Planschbecken aufgestellt, die Krippenkinder (1-3 Jahre) wurden reingesetzt und die Aufsichtspersonen gingen weg. „Die Kinder stritten, doch das hat keinen interessiert. Es hätte sonst was passieren können!“, empört sich Jessica.

Die Mutter hakt ein: „Das war die Politik des Kindergartens, dass die Erzieher und Erzieherinnen nicht bei den Kindern sind. Völlig verantwortungslos in meinen Augen! Da schlägt ein Kind dem anderen eine Schaufel auf den Kopf und keiner reagiert darauf. Sie haben es einfach nicht mitbekommen.“

In der nächsten Nachricht erzählt Jessica vom Umgang mit den kleinen Kindern: Wenn die Kinder, wenn überhaupt, gewickelt wurden, wurde dies mit mehreren Handschuhen übereinander gezogen getan, so weit wie möglich körperlich entfernt vom Kind, dieses sowieso nur mit spitzen Fingern grob angefasst und mit angewidertem, angeekeltem Blick versorgt. „Eiskalt! Das hat mir im Herzen wehgetan!“, beschreibt Jessica, wie sie es empfunden hat.

Auch beim Anziehen der Krippenkinder waren die Erzieher und Erzieherinnen sehr grob, haben das Kind ‚hochgewuchtet‘, mit Schwung, so dass der Kopf nach hinten abknickte.

Und beim Mittagessen wurde den kleinen Kindern voller Ekel das Lätzchen umgebunden. „Bloß nicht mit den Fingern berühren!“, sagt Jessica. Die Mutter ergänzt: „Auch wenn ich kam, um Jessica abzuholen, sah ich immer die kleinen Babys, mit ihren dreckigen Nasen und schmutzig vom Brei. Sie wurden nicht saubergemacht nach dem Essen. Ich kann in gewisser Weise nachvollziehen, dass die Erzieher und Erzieherinnen es eklig fanden. Das eigene Kind macht man mühelos sauber, bei einem fremden Kind fällt es naturgemäß schwerer. Deswegen ist mir wichtig zu betonen, wie unersetzlich die Mutter ist, die Mutterliebe! Es ist ein großer Unterschied, ob die Mutter sich kümmert, oder irgendeine fremde Person, die nach Dienstvorschrift arbeitet und die das Kind nachher vergessen hat, wenn sie endlich Feierabend hat.“

Viele der kleinen Kinder wurden schon ganz früh abgegeben und verbrachten den ganzen Tag in der Krippe. Beim Morgenkreis merkte man richtig, wie ausgehungert die Kleinen die Nähe einer erwachsenen Bezugsperson suchten. Sie stritten sich darum, bei den Erziehern und Erzieherinnen auf dem Schoß zu sitzen. Distanzempfinden hatten die Kinder nicht, sie kuschelten sich auch an fremde Personen, beispielsweise an Eltern, die zur Eingewöhnung ihres eigenen Kindes da waren. Sie holten sich von völlig Fremden, was sie so dringend brauchten.

Eine Erzieherin habe nur gebrüllt, geschimpft und gemeckert, die Kinder angeschrien und niedergemacht. Selbst, wenn die Kinder nur fragten, ob sie mit ihnen spielt. „Ich hatte solche Angst vor ihr. Warum ist sie Erzieherin geworden?“, fragt sich Jessica heute ratlos.

An dieser Stelle kommt die Mutter von Jessica hinzu und Mutter und Tochter erinnern sich gemeinsam, Stück für Stück:

„Ich hatte meiner Tochter immer Wechselklamotten mitgegeben. Es gab nicht einen Tag, an dem sie andere Kleidung anhatte als die, die ich ihr morgens angezogen hatte. Einmal hat die Gruppe am Vormittag einen Ausflug gemacht, als es begann zu regnen und meine Tochter komplett nass wurde. Die Klamotten der Kinder wurden nicht gewechselt, sie trockneten auf der Haut im Laufe des Tages“, berichtet die Mutter. „Beim Abholen haben die Erzieher und Erzieherinnen nur gelacht, als sie mir erzählten, dass die Kinder nass geworden seien. Sie hatten wohl nicht mal ein schlechtes Gewissen, sie nicht umgezogen zu haben.“

„Eine Geschichte, die mich immer noch sehr traurig macht, ist folgende“, fährt die Mutter fort: „Jessica hat im Kindergarten manchmal geweint, weil sie Sehnsucht nach mir hatte. Wenn sie das den Erzieherinnen sagte, wurde sie ausgeschimpft und sogar beleidigt: ‚Du Heulsuse, du bist doch so groß, du musst doch nicht nach der Mama weinen!‘ Die Erzieher waren richtig sauer auf sie, so dass ich mit Jessica vereinbarte, sie solle in diesen Situationen sagen, sie habe Bauchschmerzen. Ich erzog sie zum Lügen, doch was sollte ich anderes tun, um mein Kind zu schützen?! Die Erzieherinnen haben beim Abholen oft hämisch grinsend und abfällig zu mir gesagt: ‚Sie hatte wieder Bauchschmerzen‘. Ich empfand das als Spott über mein Mädchen.

Überhaupt habe ich in der Zeit festgestellt, dass von Seiten der Erzieher und Erzieherinnen die Kinder besonders gemocht wurden, die mitlaufen, die sich anpassen, die nicht anstrengend waren. Und meine Jessica hätte extra Trost und extra Zuspruch gebraucht. Dafür haben sich die Erzieher und Erzieherinnen keine Zeit genommen, es war ihnen schlicht zu viel.

Ich scrolle weiter runter auf meinem Handy und entdecke in den vielen Nachrichten meiner lieben Bekannten ein Video. Es zeigt ein kleines Mädchen mit blonden Haaren, zu zwei Zöpfen geflochten, sie trägt ein grünes Kleid mit einer roten Strumpfhose und roten Schuhen. Das Video dauert 46 Sekunden. 46 Sekunden, die mir ewig erscheinen, angesichts dessen, was sich mir darstellt: Das Video zeigt Jessica, sie ist vielleicht 3 oder 4 Jahre alt. Ein Junge hält sie fest. Jessica wehrt sich, verliert im Kampf sogar einen Schuh, doch der Junge ist stärker und holt sich noch Verstärkung hinzu. Er ruft dem neu Dazugekommenen zu, er soll Jessica mit einem Gegenstand auf den Kopf schlagen, während er sie weiterhin festhält: „Schnapp Jessica“, instruiert er den anderen. Der Junge folgt, Jessica hat keine Chance. 46 Sekunden, in denen eine Erzieherin am Rande des Bildes zu sehen ist, die nicht eingreift.

In den nächsten Nachrichten kommt Robert* (6) zu Wort. Er besuchte einen anderen Kindergarten als seine große Schwester.

Die Mutter beginnt zu berichten: „Es gab eine Ampel in diesem Kindergarten. Wenn sie grün leuchtete, bedeutete das, die Kinder dürfen sich frei in den beiden zur Verfügung stehenden Räumen bewegen, gelb bedeutete, die Kinder dürfen sich nur wenig und langsam bewegen und vor allem sollten sie schön leise sein, und rot bedeutete, still am Tisch zu sitzen. Die Ampel war meistens auf Rot. Ich habe mich immer gewundert, warum mein Sohn zu Hause so wild war. Als ich von der Ampel erfuhr, war es mir klar.“

Ich starte das erste Video von Robert (6). Er sitzt auf einem Bett und schiebt einen gelben Spielzeugbagger vor sich hin und her. Als seine Mutter in fragt, ob sie seinen kleinen Bruder Paul* in dem Kindergarten anmelden soll, in den er aktuell noch geht, schaut Robert ein wenig erschrocken hoch in die Kamera und antwortet vehement: „Nein!“

Seine Mutter bohrt nach: „Warum nicht?“

„Weil die so streng sind! Der Morgenkreis geht so lange, da würde Paul nicht sitzen bleiben“, erzählt Robert weiter.

„Und was passiert dann, wenn so ein kleines Kind wie Paul nicht im Morgenkreis sitzen bleibt?“, fragt die Mutter daraufhin.

„Die Erzieher schimpfen dann, wenn er aufsteht. Und wenn er dann immer noch nicht hört, wird er ganz lange in den Garten gesperrt und darf nicht mehr mitmachen. Und er hat auch keine Jacke an. Ein Mädchen hat geweint, aber die Erzieherinnen haben so getan, als ob sie es nicht hören. Aber ich habe es gehört.“

Robert sieht traurig aus, als er weitererzählt: „Die böse Erzieherin geht bald weg, aber die, die dann kommt, ist ganz sicher auch böse, weil die vorher auch so böse war. Es gibt auch liebe Erzieher, die nicht schimpfen, aber die sagen auch nichts, wenn ein Kind im Garten steht und weint. Kurz bevor die Mama von dem Kind zum Abholen kommt, wird das Kind schnell reingeholt und sie tun dann so, als ob nichts gewesen wäre und es dem Kind gut geht. Ein Kind neulich war noch ganz klein, erst 18 Monate alt. Kinder werden auch manchmal in die Kirche oder in andere Räume gesperrt und es wird abgeschlossen. Manche Räume sind so weit weg, da hört man die Kinder nicht mehr schreien. Die werden dann dort eingesperrt, von außen abgeschlossen und sie stecken den Schlüssel in ihre Hosentasche. Und das Kind klettert manchmal dort die Regale hoch und räumt sie aus. Dann wird es gezwungen, sie wieder einzuräumen, und wenn es weint und das nicht macht, wird es noch länger eingesperrt.“

An dieser Stelle muss ich stoppen. Ich lasse alles liegen, stehe auf und gehe raus. Ich brauche frische Luft. Ich kann nicht mehr atmen. Ich habe das Gefühl, ich höre mir Geschichten aus einer Zeit an, die schon lange vorbei ist. Wo Strafen noch normal waren und bei einer solchen Vorgehensweise niemand gegengesprochen hat. Aber nein, wir sprechen von der Gegenwart. Diese Dinge passieren in Kindergärten, mit unseren eigenen Kindern, während wir uns über einen Virus unterhalten und darüber, ob die Maßnahmen nun überzogen sind oder nicht.

„Ebenso wie Säuglinge und Kleinkinder abhängig sind von körperlicher Fürsorge, so sind sie es auch von einfühlsamer Zuwendung und Geborgenheit, mit wenigen festen und verlässlichen Bindungspersonen, die achtsam, liebevoll und feinfühlig auf sie eingehen. So können sie mit sich selbst und der Welt langsam vertraut werden und ein Grundgefühl von Sicherheit und Urvertrauen aufbauen.“

– Gisela Geist aus dem Buch „Mütter der neuen Zeit“**-

Und genau das fehlte in den beiden von Jessica und Robert vorgestellten Kindergärten und in vielen anderen Kindergärten auch.

Je älter die Kinder werden, desto mehr gewöhnen sie sich daran, diese für sie existenzielle Nähe und Aufmerksamkeit in dem Maße, wie sie es bräuchten, nicht zu bekommen. Sie resignieren. Sie geben auf und passen sich an. Was das für ihr Leben bedeutet, können wir nicht absehen. „Psychologische Folgen kann man nicht messen“, sagt der Psychoanalytiker Dr. Hans-Joachim Maaz in „Der Gefühlsstau“**.

Wir können nur mutmaßen, welche Folgen solche Erfahrungen für das Leben eines Menschen haben.

Wir können nur mutmaßen, ob eine (zu) frühe außerhäusliche Betreuung der Grund für so viele später auffällige und / oder psychisch kranke Kinder ist.

Fakt ist, es gibt verdammt viele Kinder, die psychische Probleme haben, von Verhaltensauffälligkeiten über Burn-out oder Depression. Vor wenigen Wochen führte ich ein Gespräch mit einem Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeuten, der mir erklärte: „Wissen Sie, ich habe vor einiger Zeit meine Warteliste abgeschafft, sie war ohnehin 1 ½ bis 2 Jahre lang!“

Fragen wir uns bitte: Woher kommt das?! Warum kommen so viele Kinder und Jugendliche mit ihrem Leben nicht zurecht? Die Kindheit sollte unschuldig sein, frei von Sorgen und Qualen, Leid und Angst. Und frei von Strafen!

Was können wir tun, um ihnen das wieder zu ermöglichen?

Ich für meinen Teil bin froh, dass ich 2015 meine Initiative „Berufung Mami“ ins Leben gerufen habe.

Ich weiß, ich tue etwas gegen diese Missstände.

Und ich bin überzeugt, jeder einzelne kann etwas tun.

Schweigt nicht weiter, wenn ihr so etwas mitbekommt. Macht es publik!

So aufgebracht, wie ich im Moment bin, möchte ich doch zum Schluss ein paar versöhnliche Worte an alle Erzieherinnen und Erzieher richten, die jeden Tag alles geben, um den kleinen und größeren Kindern die Zeit im Kindergarten unvergesslich schön zu gestalten. Es gibt sie, die liebevollen, den Kindern zugewandten Erzieher. Und ihr macht einen großartigen Job! Vielen Dank für eure wertvolle Arbeit!

 

* Die Namen der Kinder wurden aufgrund von Anonymität verändert

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