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Je sicherer ich auftrete, desto weniger Gegenwind bekomme ich!

Je sicherer ich auftrete, desto weniger Gegenwind bekomme ich!

Die Herausforderung in der Betreuung eines High-need-Kindes kann ich stückweise nachvollziehen. Unser Sohn war im ersten Lebensjahr auch eines, bzw. kann man sagen, es sprach eigentlich alles dafür, dass er eines ist. Erst im Laufe der weiteren Jahre stellte sich heraus, dass es sich eher um ein in der schweren Anfangszeit begründetes Trauma handelte, das wir durch unsere bedürfnisorientierte einfühlsame Art und die einhundertprozentige Selbstbetreuung fast ganz auflösen konnten.

Heute erzählt Nina in unserer Rubrik „Selbstbetreuer erzählen“ von ihrer High-need-Tochter, auf deren Bedürfnisse sie eingeht und die sie aus genau diesem Grund nicht in die Obhut fremder Menschen gibt. Mein Respekt und Hochachtung vor dieser ganz eigenen Herausforderung, den Bedürfnissen eines High-need-Kindes gerecht zu werden.

Sei gespannt, was Nina uns aus ihrem Familienleben erzählt . <3

 

Erzähl uns etwas von Dir und Deiner Familie

Ich bin 33 Jahre alt und mit meinem Mann, der bald 38 Jahre wird, seit knapp einem Jahr verheiratet. Wir haben eine gemeinsame Tochter, die im Mai 2015 zur Welt gekommen ist. Unsere Maus ist gerade gefühlt in der Höchstphase ihrer Autonomieentwicklung, wobei das ja nie abgeschlossen ist. 🙂 Auf der einen Seite ist es toll, zu sehen, wie sehr es ihr gelingt, sich zu individuieren und ihre Grenzen deutlich zu machen, zu kommunizieren und sich von uns Stück für Stück loszulösen, auf der anderen Seite ist es für uns Eltern oft super herausfordernd, stets gelassen damit umzugehen. Natürlich immer dann, wenn es die eigenen Grenzen bedroht bzw. das Gefühl der Fremdbestimmung Überhang nimmt bzw. eigene Bedürfnisse nicht befriedigt werden können. Klar liegt es in unserer Verantwortung, uns dafür einzusetzen, dass wir uns als Eltern auch um uns selbst kümmern, dennoch ist es im Alltag mit autonomem Kleinkind echt auch anstrengend.

Unsere Tochter liebt zur Zeit Rollenspiele. Dafür nutzt sie alles Mögliche von der Puppe über die Shampooflasche bis hin zu einem Sofakissen. Alles wird „belebt“ und muss bestimmte Aktionen durchführen und bestimmte Dinge dazu sagen. Darüber hinaus hat sie für sich das Hüpfen entdeckt, mit unserer Unterstützung. Sie singt wahnsinnig gern und hört leidenschaftlich Musik (momentan sind ihre Lieblingslieder „Ringel-ringel-Rosen“, „Hey Jo, spann den Wagen an“, „Die Eule mit der Beule“ und ähnliche. Sie ist schon echt textsicher und verlangt bei neuen Liedern, dass wir sie immer und immer wieder singen, bis sie sie auswendig kann. <3

Unsere Tochter hat die ersten 9 Monate viel geschrien. Sie ist sehr schlecht in den Schlaf gekommen, wir haben sie das erste Jahr ausschließlich, das zweite Jahr sehr viel getragen und jetzt im dritten Lebensjahr ist Tragen weiterhin Thema. Ihr fällt der Übergang von wach zu schlafen unglaublich schwer und sie benötigt sehr unsere Hilfe. Außerdem ist sie von Anfang an sehr reizoffen und damit sehr schnell überfordert gewesen, sodass wir uns immer schnell wieder mit ihr zurückziehen mussten, damit es ihr gut geht. Mit ihren 2,5 Jahren hält sie mittlerweile immer mehr durch und wir können kleinere Unternehmungen an ihr bekannte Orte machen. Alles, was unbekannt oder neu ist, ist oft eine riesige Herausforderung für sie, die sie schnell überfordert. Stressausbrüche mit Schreien sind dann oft weiterhin ihr Ventil, um angestaute Emotionen loszuwerden. Sie fühlt sich in Gruppen sehr unwohl, gleichaltrige Kinder sind für sie oft ein Graus. Laute Geräusche machen ihr oft Angst. Es ist noch nicht lange möglich, dass wir auch mal die Wohnung verlassen können, wenn die Tante und der Onkel meines Mannes hier sind. Mittlerweile funktioniert das richtig gut und sie liebt es, mit den beiden zu spielen.

Mit ihren 2,5 Jahren spricht sie schon recht viel, sehr deutlich und kann oft total gut ihre Gefühlswelt kommunizieren.

Da der Alltag mit unserer Tochter unsere ganze Aufmerksamkeit und Energie fordert, sind wir aktuell noch nicht bereit, ein zweites Kind zu bekommen. Dennoch fühlen wir uns noch nicht komplett zu dritt und hoffen, dass wir uns irgendwann bereit fühlen, ein zweites Kind zu bekommen. 🙂

 

Ihr betreut eure Tochter also selbst. War das schon immer klar, dass ihr diesen Weg gehen werdet? Falls nicht, was war der Auslöser zum Umdenken?

Bevor unsere Tochter zur Welt gekommen ist, war ich Vollzeit berufstätig und für mich war klar, dass ich nach 1,5 Jahren Elternzeit wieder arbeiten gehen möchte. Schnell wurde aber klar, dass wir unsere Tochter absolut nicht im Setting Krippe sehen. Wir haben uns dann über Tagespflege informiert und Ideen gesponnen, ob es möglich ist, dass eine Tagesmutter zu uns nach Hause kommt, um unser Kind zu betreuen. Das ist hier leider nicht möglich und somit war für uns klar, dass wir (vorerst) auf Fremdbetreuung verzichten wollen. Ich habe dann, als unsere Tochter 20 Monate alt war, in meinem alten Job auf Minijob-Basis wieder angefangen und konnte den Löwenanteil im Homeoffice machen. 2x im Monat musste ich im Büro anwesend sein. In der Zeit hat mein Mann sich freigeschaufelt und unsere Tochter betreut. In dieser Minijob-Zeit (5 Monate) haben wir den Kontakt zu der Tante und dem Onkel meines Mannes intensiviert und eine Art Eingewöhnung hier Zuhause gemacht, sodass ich seit Juni 2017 15 Stunden arbeiten gehen kann. Davon übernehmen die beiden einen Vormittag die Betreuung unseres Kindes. Den Rest deckt zur Zeit mein Mann ab. Ich habe Glück, dass mein Arbeitgeber unglaublich flexibel ist, was meine Präsenzzeiten angeht, und dass ich einen Mann habe, der selbstständig ist und sich so manches Mal die Zeit nehmen kann. Das ist natürlich für die Partnerschaft eine riesige Herausforderung, da wir uns oft die Klinke in die Hand geben.

Ich habe mich dann seit Geburt immer intensiver mit Fremdbetreuung U3 und deren Folgen, Attachment Parenting und Unerzogen beschäftigt, und die ursprüngliche Entscheidung fühlte sich immer richtiger an, je mehr ich las und in Erfahrung brachte. Momentan kommt es für mich gefühlt gar nicht in Frage.

 

Aus welchen Gründen betreut ihr selbst?

Das habe ich oben ja schon etwas ausgeführt.

Die wichtigsten Punkte sind für mich, dass ich unserer Tochter die besten Entwicklungsmöglichkeiten geben möchte, gerade in diesen wichtigen, jungen Jahren. Das sehe ich in den Einrichtungen, wie es sie derzeit gibt und wie sie qualitativ aufgestellt sind, keinesfalls gewährleistet. Unsere Tochter lernt ausschließlich über das Beziehungsangebot und fühlt sich nur in Bindung sicher und gut aufgehoben. Für mich ist unvorstellbar, dass ein Schlüssel von 1:7 das leisten kann. Ich möchte ihr dringend diesen Stress und dessen Folgen ersparen und bin sehr an ihrem Wohlergehen interessiert. Insbesondere, da sie einen so sensiblen Charakter hat, der noch eine 1:1 Betreuung verlangt. Ich erlebe sie regelmäßig im Gruppenkontext, wenn wir zu offenen Treffs gehen. Ich sehe selbst hier ihren Stress und ihr starkes Bindungsbedürfnis. So feinfühlig wie wir im 1:1 Kontakt kann keine Einrichtung darauf eingehen und das ist uns enorm wichtig, damit sie sich sicher und wohl fühlt.

 

Was liebst Du besonders daran, Dein Kind selbst zu betreuen?

Ich genieße es, jeden Entwicklungsschritt mitzuerleben, da ich die überwiegende Zeit am Tag mit ihr zusammen bin. Ich sehe, wie sie wie ein kleiner Schwamm die ganzen neuen Informationen in sich aufsaugt und jeden Tag so viel Neues dazulernt. Und ich erlebe den MOMENT, in dem das jeweils passiert.

Ich liebe es, morgens nicht in ein extremes Stressgefüge zu geraten, weil wir irgendwo sehr pünktlich sein müssen. Wir können den Tag nach unserem Tempo beginnen und gestalten. Das hilft ungemein.

Und ich empfinde es als Vorteil, dass sie momentan so frei aufwachsen kann und nicht schon in der Kita in ein System gepresst wird.

 

Gibt es auch Sorgen, die Du diesbezüglich hast?

Da unsere Tochter generell ein sehr ängstliches Kind ist und vor allem vor Gleichaltrigen große Angst hat, kommen ab und zu Gedanken in mir hoch wie: Sollte sie dem Umgang mit Gleichaltrigen nicht doch regelmäßig ausgesetzt sein, damit sie ihre Angst verliert. Was ist mit der Schule, wenn sie vorher noch nicht diese „Gruppenerfahrungen“ gemacht hat? Wird sie deshalb Schwierigkeiten haben? Nehme ich ihr damit eine Chance?

 

Wie könnt ihr euch die Selbstbetreuung leisten? Was ist euer persönliches Geheimnis? Hast Du einen ultimativen Tipp für uns?

Mein Mann ist selbstständig und kann sich bestimmte Zeiten flexibel einteilen. Deshalb teilen wir uns überwiegend die Betreuung unserer Tochter, sodass ich auch 15 Stunden sehr flexibel eingeteilt arbeiten gehen kann. Zudem haben wir Tante und Onkel meines Mannes hier, die unsere Tochter einen Vormittag in der Woche betreuen, sodass ich arbeiten gehen kann. Ganz frisch haben wir einen ausgebildeten Erzieher bei uns, der über eine individuelle Kinderbetreuung angestellt ist und Familien Zuhause unterstützt. Das ist nicht günstig, wir können aber 2/3 steuerlich absetzen und haben somit auf das Jahr gesehen 2000€ Kosten dafür, die wir ausgeben müssen. Wenn die Eingewöhnung geklappt hat, soll der Erzieher unsere Tochter einen weiteren Vormittag in der Woche betreuen, sodass mein Mann und ich arbeiten gehen können.

 

Wie wichtig ist Dir Zeit für Dich selbst und wie ermöglichst Du Dir diese?

Zeit für mich ist mir sehr wichtig, da ich so auftanke und wieder mehr Energie für den Alltag mit Kleinkind habe. Das ist in unserem Alltag nicht immer leicht zu realisieren und dennoch ermöglicht mein Mann mir ca. einmal die Woche, dass ich mit Freundinnen ausgehen kann, ins Kino gehe oder Konzerte besuche. Manchmal ist es auch einfach das alleinige Einkaufen gehen am Abend, wenn mein Mann von der Arbeit wieder da ist. Die Paarzeit bleibt natürlich sehr auf der Strecke, aber auch hier ist geplant, dass Tante und Onkel vielleicht ein- bis zweimal im Monat unsere Tochter treffen, damit mein Mann und ich essen gehen können oder einfach mal in Ruhe über wichtige Themen in den Austausch gehen.

 

Möchtest Du zum Abschluss noch etwas zu unseren Lesern sagen?

Ich finde den Austausch mit Gleichgesinnten enorm wichtig. Menschen, die mich weder verurteilen noch sich angegriffen fühlen, weil wir so leben, wie wir leben. Sich nicht ständig rechtfertigen zu müssen erleichtert das Leben sehr, da mehr Energie für das Wesentliche da ist.

Mir hilft auch, sehr selbstbewusst aufzutreten, was das Thema Selbstbetreuung angeht. Je deutlicher und sicherer ich auftrete, desto weniger Gegenwind bekomme ich! Und das tut gut!

About The Author

Jenniffer

Tiefgründiger Skorpion, Tierliebhaber, Reiki-Meister, Indien-Fan, Vegan, Weltenbummler, in einer langfristigen Stillbeziehung, Gegen-den-Strom-Schwimmer, Nach-Alternativen-Suchende, Grüne-Smoothie-Trinkerin, im Herzen ein Flieger. Und nun auch Vorstandsmitglied im Verband Familienarbeit e.V. :-)

2 Comments

  1. Gunter Reimann

    Der Aussage: „Für mich ist unvorstellbar, dass ein Schlüssel von 1:7 das leisten kann.“ mit dem Gesamtzusammenhang oben, kann ich gut zustimmen.
    Mit 7 Kindern könnte ich auch nicht die Betreuungsleistung erbringen, die eine übliche Mutter (bzw. Eltern) mit üblicherweise weniger Kindern schaffen.
    Jedes Kind möchte eine eigene individuelle Zuwendung.

    Antworten
  2. Gunter Reimann

    „Menschen, die mich weder verurteilen noch sich angegriffen fühlen, weil wir so leben, wie wir leben. Sich nicht ständig rechtfertigen zu müssen erleichtert das Leben sehr, da mehr Energie für das Wesentliche da ist.“
    Der erste Satz sollte Grundlage unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens überhaupt sein.
    Rechtfertigungen über eine grundgesetzlich verbriefte Lebensweise – hier Artikel 6 – zu verlangen, ist nicht im Sinne unserer staatlichen Ordnung.
    Aber auch im allgemeinem zwischenmenschlichen Umgang sollte man so etwas unterlassen.

    Antworten

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