Gastartikel von Kerstin Anstatt von Kala & Co.

Als ich mit Kind eins schwanger war, war für mich sofort eines klar: in ein Krankenhaus bekommen mich keine zehn Pferde. Dieses Kind sollte im Geburtshaus auf die Welt kommen, ganz geborgen, mit eins zu eins Betreuung unter vollstem Vertrauen zu meiner Hebamme. Keine Schmerzmittel, keine Interventionen. Bis dahin alles klar.

Was allerdings nach der Geburt geschehen soll und wird, darüber habe ich mir ziemlich wenig Gedanken gemacht (Und ich habe gehört, es geht vielen so…).

Gut, bei vielem habe ich einfach auf meine Intuition gehört, in Sachen Stillen zum Beispiel ist das auch gut gegangen. Bei anderen Themen muss ich im Nachhinein zugeben: vielleicht hat sich da Intuition mit alter Kindheitserfahrung vermischt, vielleicht hat sich da auch ganz viel „das macht man aber so“- Geschwätz von links und rechts in mein Handeln und Tun, meine Meinungsbildung eingeschlichen. Schande über mein Haupt.

Von völliger Ahnungslosigkeit zur bindungsorientierten Kinderbetreuung

Speziell von meinen Erfahrungen mit früher Fremdbetreuung, und wie sich meine Meinung dazu im Laufe der Jahre und mit zunehmender Kinderzahl entwickelt hat, möchte ich euch erzählen.

Wir hatten uns damals bei Kind eins dazu entschieden, dass auch ich recht zügig (Kind eins war damals gerade mal vier Monate alt) wieder arbeiten gehen würde. Mit einer dreiviertel Stelle im Schichtdienst und mit der Selbständigkeit meines Partners sollten wir doch flexibel genug sein, das zu wuppen. Also wurde die Oma quasi als Tagesmutter engagiert, bis der Kleine ein Jahr alt wurde.

Dann entschieden wir uns, ihn in eine Krippe zu geben. Warum? Tja, Kinder brauchen doch soziale Kontakte! Andere Kinder um sich herum! Ganz klar, das kann nix schaden. Selbst dass die durchaus kompetent wirkende Leitung der Kinderkrippe mir im Erstgespräch mitteilte, dass Kinder ihrer Erfahrung nach gar keine feste Bindungsperson bräuchten, habe ich anstandslos hingenommen. Ihr könnt Euch denken, dass ich mir beim Schreiben gerade die Haare raufe…

Auch Kind zwei und drei kamen mit jeweils eineinhalb Jahren in die Krippe. Da waren meine Einstellung und mein Wissen schon eher kritisch, ich legte viel Wert auf eine gute Eingewöhnung, eine feste Bindungsperson und das sich meine Kinder dort auch wohl fühlten. Wir hatten das große Glück, eine verlässliche, wirklich sehr bindungsorientierte Erzieherin in unserer Krippe zu haben (Danke dafür, Carina!). Das ist nicht selbstverständlich.

Wie ich die Situation einschätze

Ich glaube, dass es an sich gar nicht unbedingt artgerecht ist, das ein Baby oder Kleinkind 24/7 bei seiner Mutter ist. Bei den heute noch existierenden indigenen Völkern ist das auch nicht so. Aber die Kinder sind dort nicht „fremd“betreut. Es sind Tanten, Onkel, Omas, Opas, Freunde, die sich mit um die Kleinen kümmern. Und das von Geburt an, so dass diese Personen eben keine „Fremden“ sind, sondern gut bekannt. Sicher gebunden eben.

Und genau da sehe ich das Dilemma der meisten Krippen. Auf der einen Seite können es die meisten Einrichtungen es gar nicht leisten, eine (zumindest aus meiner Sicht) dem Kleinkind gerecht werdende Betreuung anzubieten – zu große Gruppen, zu viele Kinder für eine Bezugsperson. Aber da sag ich euch nix neues.

Zum anderen bleibt vielen Familien – zumindest auf den ersten Blick – nichts anderes übrig. Das Einkommen des Mannes reicht nicht aus, die Karriere der Frau steht auf dem Spiel oder – so wie bei mir – die Mütter gehen schlicht und ergreifend auf dem Zahnfleisch und brauchen dringend Entlastung. Mit zwei Mini-Kindern und einem Kindergartenkind hat das normale Alltagsleben nämlich nichts Romantisches mehr. Ja, ich habe mich FÜR Krippe entschieden, weil ich dermaßen am Limit war, dass ich meinen Kindern keine gute Mutter mehr sein konnte.

Woran es hierzulande meiner Meinung nach fehlt, ist ein Clan. Denn der ist eigentlich unersetzlich. Damals erschien es mir unumgänglich, meine noch sehr kleinen Kinder in eine Krippe zu geben. Ich hatte – wie viele andere Mamas auch – keinen Clan, der mich ausreichend unterstützte.

Heute weiß ich, dass wir Mütter evolutionsbiologisch gar nicht gemacht sind für diesen oft sehr anstrengenden Job der Vollzeitmutter (womöglich noch mit mehreren Kindern). Ich bewundere die Mamas unter Euch, die ihre Kinder Tag für Tag zu Hause betreuen. Ich war dazu schlicht und ergreifend nicht in der Lage, und ich glaube, dass es vielen anderen genauso geht wie mir.

Was Du tun kannst, wenn eine Krippe für Dich nicht in Frage kommt:

Suche Dir frühzeitig, am besten schon in der Schwangerschaft ähnlich denkende Mütter zum Austausch und zur Gründung eines Mütterteams.

Trefft Euch regelmäßig zwei bis drei Mal die Woche immer im Wechsel bei Euch zu Hause (spätestens wenn die Babys da sind) und unterstützt Euch gegenseitig: zusammen Wäsche falten oder mal aufräumen,  sich gegenseitig mal die Babys abnehmen, so dass eine Mama auch mal duschen gehen kann (oder, ganz mutig: mal mit einem kleinen Nickerchen etwas Schlaf nachholen kann).

Oder:

Suche Dir eine Tagesmutter, die Dir und Deinem Kind sympathisch ist, ähnliche Ansichten über den Umgang mit Kindern hat wie Du und die vielleicht nicht alle fünf Plätze vergibt. Dies ist zumindest eine bindungsorientierte Lösung. Wenn das möglich ist, kann das ja auch, wie bei unserem ersten Kind, die Oma sein.

Oder:

Schau Dich in Deiner Nähe um, ob es etwas Ähnliches wie den Familiengarten oder den Rockzipfel gibt.

Aber auf jeden Fall:

Nimm alle erdenkliche Hilfe an, die Du kriegen kannst! Und scheue Dich nicht, auch mal andere um Hilfe zu fragen. Vielleicht mag mal die nette ältere Dame von nebenan einen kleinen Spaziergang mit Baby machen. Du wirst ganz schnell merken: wir sind alle soziale Wesen, die anderen sehr gerne helfen! Manchmal fällt es nur eben schwer, diese Hilfe auch anzunehmen.  Das kenne ich nur allzu gut. Der Druck, alles selbst auf die Kette zu bekommen, ist in unserer Gesellschaft ziemlich hoch.

Wie habt ihr das mit der Betreuung eurer Kleinen gelöst? Habt ihr auch manchmal das Gefühl, alles wird zu viel und ihr wollt eigentlich nur noch schlafen, schlafen, schlafen? Oder klappt euer Alltag mit Kleinkind(ern) ohne Fremdbetreuung?

Ich freue mich, von euren Erfahrungen und euren Lösungen zu hören!

Herzlichst

Eure Kerstin