Eine weitere Episode aus der Serie „Fuerteventura“ soll heute wieder Thema werden. Da wir außerhalb der Schulferien verreisten, waren außer uns noch ziemlich viele andere Familien aus ganz Europa dort, die mit ihren nicht-schulpflichtigen Kindern die schöne Insel genossen. Ideal für meine Recherche nach neuen Textideen über Vorschulkinder. 🙂

Folgendes hat sich an einem Abend ereignet:

Im Speisesaal  unseres Feriendomizils sitzt eine junge Familie am Nebentisch. Das Mädchen ist zwei Jahre alt, wie wir auf unsere Nachfrage hin erfahren. Die Kleine möchte Joghurt aus einer Schüssel essen. Die Mutter reicht ihr dazu einen kleinen Löffel, den die Kleine jedoch lautstark ablehnt.

Sie weiß, was sie will:

Den großen Löffel nämlich, der auf dem Tisch liegt. Die Mutter versucht vergeblich, ihrer Tochter zu vermitteln, dass es viel einfacher für sie ist, mit dem kleinen Löffel zu essen. Mit den Worten:  „Du kleine Zicke“ gibt die Mutter schließlich auf.

Wir nehmen also wahr, dass das Mädchen ihren Kopf durchgesetzt hat. Und siehe da, es hat auch mit dem großen Löffel super geklappt. Souverän schaufelt sie sich ein um den anderen großen Löffel mit Joghurt in den Mund.

Auf die „kleine Zicke“ am Ende der Diskussion möchte ich nur kurz eingehen: Natürlich kann es nicht der richtige Weg sein, das Kind zu beleidigen, wenn man seinen eigenen Willen nicht durchsetzen konnte. Oder einem irgendwann die Puste ausgegangen ist und man vor der Beharrlichkeit des Kindes kapituliert.

Was können wir aus dieser Situation nun lernen?

Ich für meinen Teil erkenne: Statt mein Kind zu nötigen, Dinge zu tun, die es nicht tun will, und ihm somit MEINEN Willen aufzudrängen, gebe ich ihm die Freiheit, selbst auszusuchen, wie er es gerne hätte. Mit ihren zwei Jahren konnte sich die kleine Maus schon ziemlich gut verständlich machen.

Sind die Kinder jünger, klappt das aber auch schon ganz gut. Dann jedoch nicht mit Worten. Unser Sohn beispielsweise bevorzugt (noch) lautstarke Freudenschreie als seinen Weg der Kommunikation. 😉 Aber auch er weiß schon genau, wo sein Hase langläuft.

Wichtig ist am Ende zudem, dass wir an unser Kind glauben, und ihm nicht das Gefühl geben, etwas nicht schaffen zu können. Ich sage immer zu Emil: „Alles, was Du Dir in den Kopf setzt, wirst Du schaffen im Leben. Lass Dir von niemandem einreden, dass es Dinge gibt, die Du nicht schaffst“!

Einen entscheidenden Punkt gilt es hier dennoch zu beachten: Bei allen Freiheiten, die ein Kind haben sollte, muss man immer unterscheiden, in welchen Situationen eine Diskussion schlichtweg unnötig ist, oder eben doch nötig.

Unnötig ist es in meinen Augen, über die Größe eines Löffels zu diskutieren. Und viele andere ähnliche Situationen genauso. Nötig finde ich es allerdings, wenn das Kind durch anhaltendes Schreien etwas einfordert, das es aber nicht haben kann, und wir dennoch irgendwann einknicken, weil es unsere Nerven einfach nicht mehr aushalten. Selbst viele Erwachsene meinen, nur durch Schreien ihren Willen zu bekommen, ist Dir das mal aufgefallen? Sie haben wohl als Kinder schon gelernt, dass Schreien sie zum Ziel bringt.

Das wollen wir unseren Kindern natürlich nicht mit auf den Weg geben.

Dir ist sicher klar, dass Du möglichst konsequent bleiben solltest, wenn Du einmal etwas verboten hast. Bei uns hilft es, ruhig zu bleiben. Hebe Deine Stimme nur so weit an, wie es nötig ist, so dass Dein Kind Dich hört. Vermittle ihm, dass Schreien an Deiner Meinung nichts ändern wird.

Der Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld, den ich immer wieder gerne zitiere, lehrt: „Hilf Deinem Kind die Tränen der Vergeblichkeit zu finden“. Dieses Thema bietet unheimlich viel Stoff für einen eigenen Artikel, daher werde ich hier nur kurz darauf eingehen.

Folgender Weg führt Dich zu diesen Tränen:

Zunächst stellen wir fest: Dein Kind ist frustriert, da es etwas nicht haben darf. Es poltert, schreit, schlägt vielleicht oder beißt. Da ist jedes Kind anders. Hintergrund ist, dass Aggression IMMER eine Folge von Frustration ist! Das Ziel ist es, „von sauer zu Trauer“ zu kommen.

Du bleibst also ruhig, redest in normalem Tonfall mit Deinem Kind: „Ja, das ist soooo traurig, dass Du das nicht haben kannst. Ich verstehe Dich so gut! Du wolltest es so gerne haben“. Dein Tonfall darf ruhig ein bisschen weinerlich sein. Gib alles! Ziel ist es nämlich, Dein Kind zu diesen Tränen der Vergeblichkeit zu führen. Bestärke es darin, dass Weinen völlig normal und in Ordnung ist. Diese Tränen kommen, wenn sie merken, dass sie nichts ändern können. So lernt das Kind beispielsweise, dass es überlebt, wenn es etwas einmal nicht haben kann. Und sie entwickeln außerdem die Belastbarkeit, mit Dingen fertig zu werden, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen.

Und das Schöne daran ist zudem, dass sich unser Kind, obwohl WIR es ihm verboten haben, dann in UNSEREN Armen ausweint und Trost sucht. Den wir ihm natürlich gerne und endlos geben. Wir sind also gleichzeitig Teufel und Engel.

Im Übrigen ist es noch dazu entscheidend, was wir unseren Kindern vorleben! Wir werden nachgeahmt. Unsere Kinder gehen davon aus, dass das, was wir ihnen vorleben, gut und richtig ist.

Willst Du wissen, was ich unserem Sohn Emil vorleben möchte, klicke hier.

Wenn ich mir den Text jetzt so durchlese fällt mir noch eines auf: Es gibt neben schwarz und weiß natürlich auch einige Graustufen. Wir müssen unseren Willen nicht stur durchsetzen, wenn wir fühlen, dass unser Kind Recht hat, und das (ab einem bestimmten Alter) sogar mit guten Argumenten belegt 😉 Es ist keine Schande (sondern eine Stärke), einzugestehen, auch mal falsch zu liegen. Starre Regeln dürfen schließlich auch nicht die grundsätzliche Lösung sein. Hör auf Dein Bauchgefühl. Es weist Dir den (für euch richtigen) Weg! 😀

In diesem Sinne stelle ich einmal mehr fest: Unsere Kinder sind autarke, also eigenständige kleine Wesen mit einem starken Willen.

Egal, welchen Alters.

Wir denken immer, wir müssen an unseren Kindern „herumerziehen“, ihnen unsere Ideale aufdrücken. Aber das ist ein großer Trugschluss.

Unser Kind weist uns die Richtung, die für es stimmig ist, nicht umgekehrt!