5:30 Uhr – ich kann nicht mehr schlafen.

Heute ist unser großer Tag.

Ein Filmteam kommt zu uns nach Hause. 🙂

Die Entscheidung, ob oder ob nicht wir uns (und vor allem die Kinder) im Fernsehen zeigen möchten, fiel uns nicht ganz leicht. Auch habe ich schon diverse Anfragen vom TV abgesagt, weil mir klar war, dass wir mit unserem alternativen Lebensmodell, das so gar nicht dem entspricht, was die meisten anderen Familien leben, ziemlich zerrissen werden würden. Das wäre vielleicht kein Problem, wenn nur ich und die Entscheidung, wie ich mein Leben führe dargestellt würden, aber da unsere Kinder mit im Spiel sind, stellt man noch einmal ganz andere Überlegungen an.

Am Ende haben wir uns dafür entschieden. Vor allem, weil uns der Regisseur Thomas Lischak versprach, uns nicht zu zerreißen. 😉

Wir führten im Vorfeld ein langes Telefonat. Die anschließende Mail machte uns auch nochmal schriftlich deutlich, worum es Thomas geht:

„Für die Sendereihe ZDF:zeit (Immer dienstags, 20:15 Uhr im Zweiten) arbeite ich gerade an einer Dokumentation zur Situation von Familien in Deutschland. Grundlage ist eine Untersuchung, bei der Prognos alle 401 Landkreise anhand von 25 Indikatoren verglichen hat, u.a. Geburtenraten, verfügbare Einkommen, Betreuungsquoten und Personalschlüssel, usw.

Diese Ergebnisse möchten wir mit Reportagen verbinden, die etwas über den – höchst unterschiedlichen – Alltag von Familien in Deutschland erzählen. Und genau deshalb wende ich mich an Sie.

Können Sie sich vorstellen, dass wir Sie und Ihre Familie für einen Tag mit der Kamera besuchen und Ihren Alltag als Selbstbetreuer dokumentieren?

Wie funktioniert Ihr Alltag? Warum haben Sie sich gegen die Fremdbetreuung entschieden? Und welche (negativen?) Konsequenzen nehmen Sie dafür in Kauf? Das wären im Kern die Fragen, um die es gehen soll.

Was wir explizit nicht vorhaben, ist eine Bewertung im Sinne von: Selbstbetreuung – richtig oder falsch?

Es geht eher darum, der Diskussion um’s große Thema Kinderbetreuung eine weitere, vielen Menschen vermutlich weniger bekannte Sicht der Dinge hinzuzufügen.“

Vermutlich hat er recht, dass vielen Eltern heute gar nicht mehr bewusst ist, dass es ebenfalls möglich sein kann, seine Kinder selbst zu betreuen, statt in die außerhäusliche Betreuung abzugeben, ob Kinderkrippe oder sogar Kindergarten.

Für uns klang die Mail vertrauenswürdig, und daher entschieden wir uns, ganz Deutschland an unserem Privatleben teilhaben zu lassen. Wird schon gutgehen. 🙂

Vorbereitungen

Die Kinder schliefen an diesem Montagmorgen besonders lange, so dass ich mich in Ruhe fertigmachen konnte. Mitunter ein großer Vorteil wenn man kindergartenfrei lebt: Kein zeitiges Wecken, Ermahnungen, dass es schneller gehen muss, weil man los will, kein hektisches Verabschieden an der Kindergartentür und Weiterhetzen zur Arbeitsstelle…

Finn (1) wachte gegen halb acht auf, Emil (4) schlief sogar bis 8 Uhr. Außergewöhnlich für meine beiden, normalerweise sind sie früher auf den Beinen, aber an diesem Tag, vielleicht haben sie das gespürt, würden sie Energie brauchen.

Als die Kinder wach waren, wurde es dann doch hektisch, da sie noch frühstücken sollten und ich sie für den Tag fertigmachen wollte. Emil fand das ziemlich doof, aber als ich ihn fragte, ob er gerne im Schlafanzug im Fernsehen zu sehen sein wolle, lenkte er doch ein. 😉 Ich bin nicht hinterher, dass sich meine Kinder gleich morgens anziehen, es kommt sogar vor, dass sie mittags immer noch im Schlafi durch die Wohnung laufen. Was soll´s. Der „Ernst des Lebens“ kommt früh genug.

Die Filmcrew ist da

Zwischen 9 und 9:30 Uhr wollte die Filmcrew bei uns sein und siehe da, um kurz nach 9 klingelte es an der Tür. Ich liebe Zuverlässigkeit.

„Seid ihr bereit, Familie?“, rief ich meinen Lieben zu und drückte den Türöffner, gespannt, wer da gleich vor mir stehen würde.

Mit meinen 1,63 m Körpergröße kam ich mir vor wie ein Hobbit, als Thomas, der Regisseur (mittig im Bild), mit seinen 1,96 m vor mir stand. Ich streckte meine Hand nach oben um ihn zu begrüßen. Ein sympathischer erster Eindruck. Das ist schon wichtig, wenn man bedenkt, dass wir gleich fremde Menschen in unsere vier Wände bitten, die in den nächsten Stunden jeden unserer Schritte und Worte filmen würden.

Und ganz Deutschland schaut zu.

Einen Augenblick später lernten wir Harry, den Kameramann (links im Bild), und Tim, den Tonmann (rechts im Bild) kennen. Gott sei Dank, auch die beiden waren uns auf Anhieb sympathisch. 🙂

Nachdem sich die Crew orientiert hatte, und wir uns auch einigermaßen an sie gewöhnt hatten, ging es los mit dem ersten Dreh: Am Vormittag wollten wir – in authentischer Weise – zeigen, dass ich die Hausarbeiten erledige, wobei mir die Kinder (zum Teil) helfen. Lernen im Alltag nenne ich das. Und ja, mir ist wichtig, dass meine Kinder lernen, dass die Spülmaschine nicht von Heinzelmännchen ausgeräumt wird oder eine gute Fee das Bad sauber zaubert.

Zunächst saugten wir im Wohnzimmer, immer die gleiche Stelle. Das war ein wenig merkwürdig, wenn man gewohnt ist, zügig durch alle Zimmer zu gehen. Doch wenn man darauf achten muss, dass die Kamera eine gute Perspektive erwischt, spielen solche Dinge wie Sauberkeit keine Rolle mehr. Zugegebenermaßen hatte ich vorher bereits die ganze Wohnung gesaugt, so dass es tatsächlich nichts gab, was hätte weggemacht werden müssen. Emil (4) half mir, indem er auf genau dieser Stelle nass wischte und Finn (1) liebt es ohnehin, sich hinter dem Staubsauger die warme Luft um die Ohren wehen zu lassen.

Jedoch: Aller Anfang ist schwer. Oder nicht so leicht, sagen wir mal.

Emil hatte zunächst Probleme, sich einzulassen. Auf die fremden Menschen, auf die Kamera, die ihm teilweise sehr nah kam, auf die Bitten des Kameramanns, was wir tun oder nicht tun sollen.

Und in dieser eigenen Unsicherheit ermutigte ich Emil noch dazu, einen Luftballon über das Gebläse des Staubsaugers zu halten, damit dieser hochfliegt. Das klappte eher schlecht als recht. Das Nichtgelingen in Kombination mit seiner Verunsicherung führte dazu, dass wir nur knapp einem Wutanfall entkamen. Vor laufender Kamera.

Ich änderte meine Taktik, ging mehr auf Emil ein, wir wischten gemeinsam, und er entspannte sich nach und nach.

Puh, was für ein Start…

Dennoch:

Gemeinschaftsprojekt Staubsaugen: Check.

Es folgten Fenster putzen, sowie Waschmaschine aus- und Trockner einräumen.

Die Kinder immer dabei. Wie es eben auch normalerweise ist.

Von einer Szene hoffe ich besonders, dass sie in der Sendung gezeigt wird: Wie ich, Finn in den Schlaf stillend, auf unserem gemütlichen Sessel sitze und Emil dabei vorlese. Ich liebe diese Atmosphäre, diese ganz besonderen Momente, wo beide meine Kinder nah bei mir sind. Die Ruhe, die das Vorlesen mit sich bringt.

Mein Interview

Nun, da Finn schlief, war mein Interview an der Reihe. Je länger die Vorbereitungen dauerten – und sie dauerten wahrlich lange, denn hier stimmte der Winkel der Kamera noch nicht, und da gab es Probleme mit dem Licht oder dem Ton – desto nervöser wurde ich. Endlich war alles soweit, nur mein Gesicht noch nicht, wie die Fachmänner feststellten: Ein wenig Puder wär´ nicht schlecht. 😉 Maskenbildnerin Fehlanzeige. Also musste Frau selbst ran.

Die Erinnerung an die Fragen, die Thomas mir stellte, ist verschwommen. Irgendwie surreal, so eine Situation. Ich kann mich weder an die tatsächlichen Fragen erinnern, noch an meine Antworten. Ich lass mich dann mal überraschen, wenn der Film ausgestrahlt wird. Bin also genauso gespannt wie Du. 🙂

Während Emil und ich (Finn in der Trage auf meinem Rücken) anschließend den Brokkolisalat zubereiteten stellte mir Thomas kurzerhand noch weitere Fragen. Huch, das war komisch, darauf war ich gar nicht vorbereitet. Sollte ja auch so sein, meinte er daraufhin trocken, aber mit einem Grinsen im Gesicht.

„Ob meine Kinder immer helfen“, erkundigte er sich.

Ich glaube, ich sagte sowas, wie: „Wenn sie wollen, ja. Wenn sie keine Lust haben, ist das aber auch ok. Ich versuche, aus allem ein Spiel zu machen, dann fühlt sich die Arbeit nicht wie Arbeit an.“

Ich schaute Emil, der in seinem Lernturm neben mir stand in die Augen und fragte neugierig: „Wenn Du mir hilfst, macht Dir das Spaß oder empfindest Du es als Arbeit?“

Gespannte Stille.

Dann flüsterte Emil kaum hörbar: „Es ist Arbeit!“

Ich grinste, schaute in die Kamera und hörte mich sagen: „Das dürft ihr gerne rausschneiden“.

Die Männer lachten.

Ich bin gespannt.

Kindergartenfrei

Zur Mittagszeit holten wir die am Vortag zubereiteten Dips (Hummus und Spundekäs) aus dem Kühlschrank, dazu gab es kleine Brezelchen und unseren Brokkolisalat. Alle waren begeistert. Die Hausfrau freut´s.

Die üblichen Smalltalk-Themen wurden irgendwann tiefgründiger, als Harry, der Kameramann gestand, er wäre auch nicht im Kindergarten gewesen. Er habe oft geweint und seine Mutter hätte ihn irgendwann nach Hause geholt und nicht mehr hingeschickt. Auch mein Mann Sascha war nicht im Kindergarten. Überhaupt führe ich solche Gespräche erstaunlich oft, wenn wir gefragt werden, ob Emil an diesem Tag nicht in den Kindergarten gehe. Ich erwidere dann wahrheitsgemäß, dass er überhaupt nicht geht, und nicht selten entgegnet unser Gegenüber, dass er oder sie auch nicht in den Kindergarten gegangen ist. Und dass es trotzdem eine schöne Kindheit war. Oder gerade deshalb. 😉

Als die Teller leer und die Schüsseln ausgekratzt waren machten wir uns auf den Weg nach draußen, zu „unserem“ Lieblingsspielplatz.

Schon der Weg dorthin war aufregend, da uns permanent die Kamera verfolgte oder knapp vor uns war. Vor allem für Emil eine Hausforderung, der zwar inzwischen ziemlich sicher auf seinem kleinen Fahrrad unterwegs ist, aber nicht gewohnt ist, so langsam zu fahren.

Auf dem Spielplatz angekommen absolvierten wir unser übliches Programm: Schaukeln, Rutschen, Klettern, Balancieren, Sandburgen bauen… Auch hier stellte mir Thomas immer mal wieder Fragen, so dass die Kinder nach inzwischen sechs Stunden Drehtag immer mehr Mama einforderten.

Kinder (ob 4 oder 1 Jahr alt), können sich noch nicht in andere hineinversetzen, daher hatten sie auch kein Verständnis, dass Mama jetzt nicht weiter Sandburgen baut, sondern dass nun eine andere Szene gedreht werden sollte. Oder mir Fragen gestellt wurden.

So stand ich mitten auf dem Spielplatz: Vor mir die Kamera, daneben der Fragen stellende Regisseur, über meinem Kopf das Mikrofon. Auf meinem Arm ein quengelndes Baby, und an mir, Richtung Sandburg zerrend, mein Vierjähriger.

Das kennen wir Mamas ja zu gut: Sich teilen müsste man können.

Ständig.

Überall.

Mal sehen, was man davon im TV sehen wird…

Ich sehe schon die Schlagzeile: „Mutter am Ende der Geduld… So sieht kindergartenfrei tatsächlich aus!“

Aber auch diese Herausforderung haben wir gemeistert – gemeinsam, mit viel Verständnis für jeden Einzelnen des heutigen Teams: Die Filmcrew, die Kinder und…

Da war doch noch wer?!

Ach ja…

ICH!

Endspurt der Dreharbeiten

Wieder zu Hause merkten wir alle, dass der Tag inzwischen lange wird. Das Filmteam war nicht mehr ganz so entspannt wie noch am Vormittag, die Kinder knatschten, und auch ich war langsam müde.

Wir hatten es aber fast geschafft…

An meinem Schreibtisch wurde noch eine Szene von mir am Laptop gedreht, wie ich an einem „Berufung Mami Impuls“ arbeite. Ich hoffe, man kann nicht lesen, was ich geschrieben habe, denn es ergab nicht viel Sinn. 😉

Meine Schwiegermutter holte inzwischen die Kinder, so dass wir den Endspurt der Dreharbeiten ruhig ausklingen lassen konnten.

Mein Mann – der am Drehtag tatsächlich fast komplett dabei war – hatte nun seinen Auftritt. Sonst ist er unter Tags arbeiten und kommt erst am Abend nach Hause. Eine solche Heimkehr-Szene wurde nachgestellt und abschließend ein Interview mit ihm geführt. Den Puder hatte ich schon bereitgestellt. 😉

Die Scheinwerfer spendeten wohlige Wärme. Es war ganz still. Irgendwie gemütlich.

Thomas stellte seine Fragen und ich stand, über allen Köpfen auf einem Stuhl, so dass ich alles mitbekam.

Gänsehautmoment, als mein Mann Sascha sagte, wie toll ich mit den Kindern bin, und wie gut ich meinen Job mache.

Da stand ich nun auf meinem Stuhl, mit Tränen in den Augen.

Im hektischen Alltag mit selbstbetreuten Kindern hat man wenig – sehr wenig Zeit, um sich auszutauschen, und noch weniger Zeit, um Komplimente wie solche zu verteilen.

Aber vielleicht sollte man sich diese Zeit – egal wie – unbedingt nehmen!

Ein Tag mit der Kamera als Familie begleitet zu werden ist wie ein Tag Therapie. Es hat uns gut getan.

9 Stunden Drehtag liegen hinter uns.

Wir sind erschöpft.

Aber glücklich.

 

Der Sendetermin wird Dienstag, 10. Dezember 2019 um 20:15 Uhr auf ZDF sein!