Vor einigen Wochen hat Amanda, die Wohnprojekte zu verschiedenen Themengebieten in ganz Deutschland gründet, auf meiner Facebook-Seite einen Kommentar hinterlassen. Den Clan, wo jeder jedem hilft und sich alle gegenseitig unterstützen, gibt es nicht mehr? Das sieht sie anders. Ich bin natürlich gleich drauf angesprungen, das hat mich interessiert.

Sie hat eingewilligt, mir ein Interview zu geben. Also ich bin gespannt, Du auch?

Amanda, Du gründest seit Jahren überall in Deutschland Wohnprojekte für Familien. Was können wir uns darunter vorstellen?

Es gibt unzählige Variationen von Wohnprojekten und jedes hat seine ganz eigenen Schwerpunkte. Erlaubt ist, was gefällt. Sie alle eint, dass Menschen sich zusammenfinden, um ein Stück ihres Alltags miteinander zu teilen. Sei es nun bei einem Sommerfest in der gemeinschaftlichen Nachbarschaft, gemeinsamen Mahlzeiten oder sogar mit regelmäßigen Treffen, bei denen man tiefe Verbindungen zueinander aufbaut.
Nachdem wir uns für das Leben in Gemeinschaft öffnen und uns auf andere Menschen und ihre Lebensmodelle einlassen, eröffnen sich oft auch ganz neue Sichtweisen auf unser eigenes Leben. Das Potential für die eigene Entwicklung steigt enorm, wenn man sich in einem Raum des achtsamen Miteinanders bewegt.

Was war deine Intention, dich diesem Thema zu widmen? Lebst du selbst mit deiner Familie in einem WP?

Für mich war früh klar, dass ich mir ein Leben in der Isolation als Kleinfamilie nicht vorstellen kann. Ich mag den Austausch mit Menschen, viele Leute am Tisch, die Vielfältigkeit, die sie in mein Leben bringen. Und natürlich ist es für mich als Mutter ideal, viele helfende Hände um mich zu haben. Mit großer Dankbarkeit blicke ich auf unser letztes Wochenbett zurück, welches wir im Kreis großartiger, liebevoller Mitbewohner erleben durften. Auf meiner Suche nach dem perfekten Lebensraum für meine Familie habe ich viele Wohnprojekte und Gemeinschaften besucht und dabei ganz unterschiedliche Lebensmodelle kennengelernt. Es ist für mich noch immer wahnsinnig spannend, welche Formen entstehen, wenn Menschen beginnen, sich mit ihren Bedürfnissen intensiv auseinanderzusetzen und dabei den Mut haben, ausgetretene Pfade zu verlassen.

Das gilt auch für mich selbst. Meine Herzensaufgaben in der Schwangerschaftskultur und nun in der Begleitung und dem Aufbau von Gemeinschaftsprojekten, hätten ohne den schöpferischen und kreativen Raum in Gemeinschaften wohl nie ins Leben gefunden.
Viele Menschen, besonders Frauen, neigen dazu, sich erst für ein alternatives Wohnmodell und ein Leben nach ihren Bedürfnissen zu entscheiden, wenn die Familienzeit bereits gelebt und die Kinder aus dem Haus sind. Dabei lohnt es sich jederzeit, die Fühler nach neuen Wohn- und Lebensweisen auszustrecken.

Was ist der Zweck dieser Wohnprojekte, was soll erreicht werden? Welche Vorteile bieten Gemeinschaften, gerade für uns Selbstbetreuer?

Den einen Zweck gibt es in Wohnprojekten gar nicht. Menschen finden sich aus den unterschiedlichsten Gründen zusammen:
Menschen mit gemeinsamer Weltanschauung gründen gerne politische Wohnprojekte, in denen sie sich vernetzen und austauschen können oder auch selbst Veranstaltungen durchführen können. Auch gemeinsame Interessen können zu einem Wohnprojekt wachsen: Viele Yoga- oder Meditationsgruppen stellen irgendwann fest, dass sie ihr Leben auch über einzelne Kurse hinaus miteinander gestalten wollen. Daraus gründen sich dann nicht selten große Zentren, in denen einige Bewohner fest wohnen und andere die Möglichkeit zu einer Auszeit von ihrem Alltag haben und Gleichgesinnte treffen. Die Flucht vor Isolation und Einsamkeit spielt vor allem für ältere Menschen eine Rolle. Sie finden sich in sogenannten Plus-WGs zusammen oder schließen sich einem Mehrgenerationenhaus an, in dem Menschen jeden Alters gemeinschaftlich zusammenleben.

Der Klassiker ist wohl die übliche Studenten-WG, welche durchaus auch mal 10 oder noch mehr Mitbewohner haben kann. Dort geht es dann neben dem sozialen Austausch auch oft um bezahlbaren Wohnraum in den Uni-Städten.

Doch besonders für Familien bietet das Leben in Gemeinschaft große Vorteile: Kinder wachsen gemeinsam auf. Auch Einzelkinder haben Kontakt zu Gleichaltrigen und lernen so abseits von Kita & Schule, sich selbstsicher und behütet in sozialen Strukturen zu bewegen. Für die Eltern bedeutet die Anwesenheit weiterer Erwachsene im Alltag große Entlastung. Wer kennt es nicht: Mal kurz alleine duschen gehen oder einen Arbeitsauftrag fristgerecht einreichen, während jemand anderes ein Auge aufs Kind hat. Nicht jeden Tag kochen oder putzen müssen. Und für den gemeinsamen Kaffee ist auch meistens ein Mitbewohner zur Stelle.

Im direkten Umfeld habe ich erlebt, wie wertvoll es für Kinder ist, in Gemeinschaft aufzuwachsen und im Alltag verschiedene Lebensweisen und Ansichten zu erleben ohne dafür den Schutz des eigenen Nestes verlassen zu müssen.

Ich selbst genieße, dass mein täglicher Input nicht nur aus Familienthemen und Arbeit besteht. Geschichten aus der Uni, dem Büro oder von Reisen meiner Mitbewohner bereichern meinen Alltag.

Leben die Familien zusammen unter einem Dach, oder gibt es auch Rückzugsmöglichkeiten für jeden einzelnen? Wie können wir uns ein solches Miteinander vorstellen?

Das ist von Projekt zu Projekt anders und wieder gilt: Alles kann, nichts muss!

Es gibt Wohnprojekte, in denen leben Menschen unter einem Dach zusammen, teilen sich Bäder und Küchen, Wohn- und Arbeitsräume. Jede Familie hat dann ihre Privatzimmer als Rückzugsraum. In anderen Projekten hat jede Familie ihre eigene Wohnung und man trifft sich im Gemeinschaftsraum oder einer Gemeinschaftswerkstatt. In großen Projekten gibt es oft sogar beide Möglichkeiten und dazu Apartments mit Teeküche und eigenem Bad, während die Hauptmahlzeiten in einem gemeinsamen großen Essraum stattfinden.

Letztendlich entscheidet jede Familie selbst, wie viel Platz sie braucht. Und das ist oft weniger, als man denkt!
Mit Kindern ist es auch immer sinnvoll, auf ein Projekt mit Ausbaureserve zu achten, damit man nicht nach und nach aus seinem Projekt herauswächst.
In Gemeinschaft hat man – anders als in der Kleinfamilie – auch die Möglichkeit, Räume für bestimmte Zwecke einzurichten. Viele Projekte verfügen über einen Bewegungs- oder Yogaraum, Andachtsräume oder ein Silent-Working-Büro, in dem man ungestört vom Alltagstrubel arbeiten kann. Oder wer kann schon von sich sagen, dass er eine eigene Bibliothek oder einen Festsaal im Haus hat?

In den oft großen Gärten haben Kinder jede Menge zu entdecken. Ich liebe es, wenn zu großen Veranstaltungen eine ganze Kinderschar nach dem gemeinsamen Frühstück in den Wald verschwindet und ganz für sich die Welt entdeckt. Sogar der ein oder andere Waldelf und Wichtel soll so schon entdeckt worden sein!

Welche Kosten fallen an? Kann es sogar sein, dass man durch eine entsprechende Lebensweise und ein autarkes Leben in Gemeinschaft nicht mehr klassisch erwerbstätig sein muss?

Den Traum vom kostenlosen Wohnen können auch Wohnprojekte nicht erfüllen. Letztendlich fallen für das Wohnen in Deutschland und in den Nachbarländern Kosten an, die gedeckt werden wollen. Grundstücke und Gebäude wollen in Schuss gehalten und oft noch ausgebaut oder saniert werden.

Und doch ist die Bandbreite der Möglichkeiten groß: Genossenschaften verlangen oft eine persönliche Einlage, welche nach dem Auszug zurückgezahlt wird. Andere Gemeinschaften haben ein Einstiegsgeld oder verkaufen Anteile an ihre Bewohner. Man ist dann ganz klassisch Miteigentümer an seinem Zuhause. Andere Projekte setzen auf ein Mietmodell, bei dem man – wie in einer normalen Mietwohnung – monatlich einen festen Betrag zahlt. Selten gibt es solidarische Modelle, in denen jeder zahlt, was ihm möglich ist. Hier ist besonders viel Fingerspitzengefühl gefragt.

Möchte man Gemeinschaften erst kennenlernen, ohne sich gleich fest zu binden, ist oft ein längeres Kennenlernen und eine Anwachsphase möglich. In vielen Gemeinschaften kann man auch gegen Kost & Unterkunft mitarbeiten. Helfende Hände sind überall willkommen! Eine Reise durch die verschiedenen Wohnprojekte und Gemeinschaften ist eine bereichernde Erfahrung für das ganze Leben!

Auf jeden Fall eröffnet das Leben in Gemeinschaft oft neue berufliche Perspektiven. Einige Gemeinschaften sind ein florierender Wirtschaftsbetrieb mit Hotel, Gastronomie und Seminarangebot. Andere bieten Raum für Kunst und Handwerk oder soziale Projekte und Bildung. Entscheidet man sich für ein Projekt mit geringen Wohn- und Lebenshaltungskosten, wird man unabhängiger von regelmäßigen Einkünften. Und die Energie, welche in Gemeinschaft frei wird, kann auch zu neuem Reichtum führen. Nicht nur finanzieller Natur!

Haben die Wohndörfer verschiedene Schwerpunkte? Wenn ja, welche?

Ja, absolut! Jede Gemeinschaft, jedes Wohnprojekt und jedes Ökodorf gibt sich ein ganz eigenes Konzept und setzt eigene Schwerpunkte. Manche leben undogmatisch zusammen und teilen ihren Alltag. Andere haben ein gemeinsames Ziel, zum Beispiel eine freie Schule. Wieder andere möchten das Zusammenleben von Menschen ganz neu denken und propagieren freie Liebe und neue Gesellschaftsmodelle. Während die einen sich strenge Regeln geben, möchten andere in absoluter Freiheit zusammenleben.

Ich begleite besonders gerne Wohnprojekte mit einem ökologischen und sozialen Schwerpunkt. Gesunde Baustoffe und frisches, biologisches Essen sind aus meiner Sicht eine wichtige Grundlage für ein gutes Zusammenleben. Mehrere Generationen unter einem Dach bringen Abwechslung in den Alltag und schaffen ein stabiles Zusammenleben. Für Familien ist das eine große Bereicherung.

Wo können sich Interessierte nun informieren, ob es bereits ein Wohnprojekt in ihrer Nähe gibt?

Wohnprojekte und Gemeinschaften sprießen zur Zeit überall aus dem Boden. In fast jeder größeren Stadt finden Informationsveranstaltungen von Initiativen statt. Meiner Meinung nach ist es am sinnvollsten, sich zunächst verschiedene Projekte anzuschauen und sich über die eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden, bevor man sich für ein Projekt entscheidet. Große Gemeinschaften, wie Sieben Linden, Schloss Tempelhof und Co. bieten spezielle Kennlernveranstaltungen an. Andere Gemeinschaften kann man jederzeit als Gast oder Helfer besuchen.

Ein großes Angebot von Gemeinschaften findet man im Wohnprojekteportal (http://www.wohnprojekte-portal.de/) und im Forum gemeinschaftliches Wohnen (http://verein.fgw-ev.de/projektboerse.html). Im Buch „Eurotopia – Gemeinschaften und Ökodörfer in Europa“ (Affiliate Link) werden außerdem viele Gemeinschaften aufgeführt und beschrieben.

Interessierte Familien können auch gerne Kontakt über eines meiner aktuellen Projekte „Lebensraum Röblingen“ aufnehmen: https://lebensraumroeblingen.wordpress.com/

Aktuell entsteht hier ein Mehrgenerationenhaus mit einer großen 8-Zimmer-WG und mehreren Wohnungen. Zwei weitere große Projekte, u.a. ein LebensLernDorf mit einer freien Schule, sind in Planung. Auch in meinen bisherigen Projekten gibt es selten mal freie Zimmer und Wohnungen – Oft mit Warteliste. Bei Interesse vermittle ich gerne: post@schwangerschaftskultur.de

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