Manche von euch wissen vielleicht, dass ich mich in der Begleitung meines Sohnes an das Thema unerzogen herantaste. Ich stecke zwar noch in den Kinderschuhen, aber mir gefällt der Gedanke, meinem Kind gegenüber eine wertschätzende Haltung einzunehmen.

Kurz erklärt bedeutet unerzogen, auf Erziehung zu verzichten, da diese als Gewalt am Kind empfunden wird. Es soll also vermieden werden, am Kind herum zu „ziehen“. Ihm meine Werte als das Non-Plus-Ultra weiterzugeben, ohne darauf zu achten, ob mein Kind nicht vielleicht andere Werte leben möchte, andere Bedürfnisse hat.

Auf meinen kürzlich veröffentlichten Artikel „Kriegsvorbereitung im Kinderzimmer?“  folgten eine Vielzahl an Kommentaren, die mich zum Teil nachdenklich gemacht haben. Nun war ich fest der Überzeugung, dass ich zum Wohle meines Kindes handele, indem ich ihm Bob die Bahn grundsätzlich verwehre, denn außer dem Militärlager erlebte ich noch weitere Stirnrunzel-Momente. Unerzogen bedeutet ja auch nicht, dass ich mein Kind auf die belebte Straße laufen lasse, ohne einzugreifen.

 

Wo beginnt Gewalt – und wo hört sie auf?

Für konstruktive Kritik, die mich in meiner Entwicklung weiterbringt, bin ich immer zu haben. Daher freute ich mich besonders über folgende Kommentare:

 

Ruth schrieb:

„…Es ist die Frage, ob du dein Bedürfnis nach Frieden (?) und Harmonie (?) anders ausleben kannst als durch schützende Gewalt über dein Kind.“

 

Stefanie erklärte:

„Bei dem, was du schilderst, sehe ich das Problem, dass du ihm etwas lieb gewonnenes verwehrst, weil du die Macht dazu hast…. Mir kommt beim Lesen der Gedanke, dass das Kind vor Gewalt geschützt werden soll, das aber gewaltsam umgesetzt werden muss, weil dein Kind das einfach schön findet anzuschauen…“

 

Und Daniela ergänzte:

„André Stern (Anmerkung: Der nie eine Schule besucht hat und trotzdem Gitarrenbaumeister, Musiker, Komponist, Autor und Journalist wurde) ist der Ansicht, dass Kinder sich durch Multimedia das Bedürfnis erfüllen, auch mal der Held zu sein. Dabei ist es egal, ob das über Identifikation mit dem Superhelden im Comic ist oder unmittelbarer beim Computer spielen. Gibt man Kindern im echten Leben genug Raum und Gelegenheit, kleine „Helden“ zu sein (wobei damit eher konsequente und konstante Wertschätzung und „für das gut gefunden werden, was man ist“ gemeint ist), braucht man sich keine Gedanken mehr um deren Medienkonsum machen, denn egal, was es ist, es bleibt weder haften, noch zieht es sie rein. So muss man dann auch nichts mehr verbieten. Sie entdecken, probieren aus, bleiben aber nicht hängen.“

 

Es ist schon wahr.

Gewalt ist für mich, wenn uns Bob die Bahn durchs Militärlager fährt. (Solltest Du den Artikel nicht gelesen haben, kannst Du das hier nachholen)

Wenn mein weinendes Kind aber neben mir steht und darum bettelt, dass ich nicht ausschalte, blutet zwar mein Herz, weil ich ihn in keiner Situation traurig (oder gar verzweifelt) sehen mag.

Mein Kopf aber sagt: „Es ist zum Wohle deines Kindes. Da müsst ihr jetzt durch.“

Also halte ich die Wut, Trauer, Enttäuschung und Ohnmacht meines Kindes aus und begleite ihn liebevoll hindurch.

Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob es das wirklich wert ist! Oder ob es nicht vielleicht eine andere Lösung geben kann.

Ein Kommentar von Rhia eröffnet mir eine neue potentielle Möglichkeit:

„Schau die Folge mit deinem Kind und sprich mit ihm darüber, wenn du meinst, dass er dafür bereit wäre.“

 

Die aktuelle Situation

Unser Sohn ist seit mehr als zwei Wochen nicht mehr am PC gewesen und die „Bob“-Rufe sind inzwischen zum Großteil verstummt. Manchmal aber, wenn er auf den Bildschirm zeigt und voller Hoffnung „da, da, da“ ruft, werde ich traurig. Ich sehe, wie sehr sein Herz noch immer an dieser bunten Dampflok hängt.

In einem Forum wurde zu meinem Bob-Artikel heftig diskutiert.

Jemand stellte die Frage: „Wovor hast Du solche Angst? Was ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn er Bob jetzt doch schaut?“

Nun, ich habe Angst, dass mein Sohn Panzer, Kriegsschiffe, Drohnen, Bomber usw. als ebenso natürlich empfindet wie „normale“ Hubschrauber, Polizei- oder Feuerwehrfahrzeuge.

Ich sehe darin einen großen Unterschied. Krieg ist entsetzlich, gelebter Menschenhass, bei dem überwiegend Unschuldige getötet werden. Mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ich den bunten Bob durchs Armeelager fahren sehe mit dem fröhlichen Lied auf den Lippen.

Aber.

Wenn ich ehrlich bin, sieht mein Sohn da derzeit doch eigentlich nur Schiffe und Fahrzeuge.  Wie die aktuelle Situation zeigt: Verbotenes wird nur umso interessanter.

Und was könnte demnach der Schlüssel sein, so dass er es ansehen kann, ich aber nicht fürchten muss, dass er deswegen gleich zum Generalfeldmarschall wird oder gewaltbereit jedem, der ihn schräg ansieht, Prügel androht?

In dem Moment, in dem unser Kind an uns gebunden ist – wobei wir als Eltern meines Erachtens nach viel falsch machen müssen, dass das nicht der Fall ist – ist Vorleben immer die erste Wahl.

Wenn ich Frieden, Ruhe, Liebe, Harmonie ….. vorlebe, lernt mein Kind das von mir – und nicht egal was von Bob. Gehe ich zudem noch ins Vertrauen, dass sich mein Kind selbst reguliert, steht einer noch tieferen Bindung nichts mehr im Wege.

Liebe Kommentatorinnen: Ich danke euch für die gedanklichen Anstöße und für die Inspiration zu diesem Artikel. 🙂

Nun interessiert mich: Wer von euch kann sich vorstellen, ins Vertrauen zu gehen und „geschehen“ zu lassen, was sich eure Kinder gerade wünschen? Ich bin sehr gespannt…