Das Thema Kindererziehung polarisiert genauso wie Gespräche über den Glauben oder Politik. Wohl jede Mutter bewertet insgeheim die Umgangsweise anderer Mütter oder vergleicht sich mit anderen. „Würde ich das genauso machen?“ „Wie kann sie das Kind denn jetzt so angehen, er weint doch eh schon. Was er braucht ist Trost, keine disziplinarischen Maßnahmen!“

Ja, auch ich bewerte und vergleiche.

So durfte ich vor einiger Zeit eine Situation miterleben, die mich ziemlich traurig gemacht hat:

Ein etwa Dreijähriger schupst ein etwas jüngeres Mädchen unsanft, so dass sie rückwärts hinfällt und sich den Kopf auf dem Boden aufschlägt. Natürlich weint das Mädchen. Es hat ihr sicher weh getan. Die Mutter des Mädchens nimmt sie liebevoll in den Arm und tröstet sie.

Der Junge selbst hat sich fürchterlich erschreckt, ich habe ihn beobachtet. Mit dieser Konsequenz seines Handelns hatte er selbst nicht gerechnet. Er rennt weg und versteckt sich unter einer Stuhlreihe. Mit dem Gesicht zur Wand – obwohl ich mir meine Gedanken dazu mache, warum der Junge so handelt, möchte ich dieses Verhalten hier nicht bewerten. Im nächsten Moment läuft die Mutter dem Jungen hinterher, zieht ihn unsanft an den Beinen heraus und schimpft auf ihn ein. Er ist total verschüchtert, hat selbst auch Tränen in den Augen. Dann wird er aufgefordert, sich bei dem Mädchen zu entschuldigen. Zur Strafe wird er daraufhin auf einen Stuhl in die Ecke gesetzt. Natürlich bleibt der Junge dort nicht sitzen und rennt zurück. Mit nach oben ausgestreckten Armen und einem ganz traurigen Gesicht läuft er auf seine Mama zu. Offensichtlich braucht er ihre Nähe genauso dringend wie das Mädchen die Nähe ihrer Mutter brauchte. Seine Mutter jedoch bleibt hart und kalt und schickt ihren Sohn zurück in die Ecke.

Mich hat die Situation sehr aufgewühlt. Ich hätte den mir fremden Jungen am liebsten selbst in den Arm genommen, und ihm gesagt, dass es sicher ein Versehen war, dass das Mädchen wegen des Stoßes gefallen ist und sich weh getan hat.

Die Vorschulkinderzeit ist die aggressivste Zeit in unserem ganzen Leben, so der Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld. Das Verhalten des Jungen ist demnach völlig normal. Schupsen, schlagen, beißen, schreien, werfen geschieht nicht, damit das Kind seinen Willen bekommt, sondern basiert vielmehr auf Frustration, die ausbricht. Das Kind ist schlichtweg über irgendetwas frustriert. Und Frustration ist immer der Vorbote von Aggression. Die Hauptwurzel von Frustration, so Neufeld, ist Bindungsenergie. Bindung ist demnach die Antwort. Und nicht Bestrafung.

Was veranlasste also die Mutter des Jungen so zu handeln? Ich bin sicherlich kein Psychologe, aber denke, dass die vermeintliche Erwartungshaltung an sie eine entscheidende Rolle spielte. Instinktiv muss der „Böse“ bestraft werden. Und das war nun mal ihr Junge.

Und wie kann man die Situation besser lösen?

Hier noch einmal die Geschichte mit neuem Drehbuch:

Der Junge selbst hat sich fürchterlich erschreckt, ich habe ihn beobachtet. Mit dieser Konsequenz seines Handelns hatte er selbst nicht gerechnet. Er bleibt wie angewurzelt stehen, ist total verschüchtert und hat selbst auch Tränen in den Augen. Als Mama des Kleinen geht mein Herz auf. Ich sehe nicht den Täter in ihm, sondern ein schutzsuchendes kleines Kind. In die Hocke gehend schaue ich ihm in die Augen. Ich verlange nicht von ihm, sich zu entschuldigen, weil Vorschulkinder das Prinzip von Entschuldigen schlichtweg nicht begreifen können. Ein Kind, das seine eigenen Gefühle und Grenzen noch nicht kennt, kann sich nicht ehrlich entschuldigen. Erwarten wir es also nicht von ihm.

Zudem nehmen die meisten Kinder Sätze wie „das ist falsch oder unangemessen“ persönlich, was im harmlosesten Fall Unsicherheit in ihnen auslöst (schlimmer ist Selbsthass) und sicher nicht zu einer guten Bindung beiträgt.

Mein Sohn spürt, dass er in meiner Gegenwart willkommen ist, ohne Bedingungen, und gleich, ob er einen Fehler gemacht hat. Ich übernehme die Verantwortung, bin sein Orientierungsgeber: „Ich sehe, du bist frustriert, es muss raus aus dir. So geht es nicht. Komm, lass mich dir helfen“. Der Fokus liegt auf der Frustration, nicht auf seinem Verhalten. So behält unser Kind seine Würde.

Empathie ist folglich der Schlüssel für eine gute Bindung. Vermeintliche Erwartungen anderer Erwachsener sollten wir ignorieren und die Energie in unser Kind stecken.

Fazit: Mitgefühl für unser Kind, nicht für andere!