Nachdenken, Umdenken, Umsetzen. Das hatten wir uns für unsere Zuschauer gewünscht, als wir unseren Online Kongress für Bedürfnisorientiertes Aufwachsen ins Leben gerufen haben.

Kurz nach Beendigung unseres Bedürfnisorientiert Aufwachsen Online Kongresses Anfang April diesen Jahres bekamen wir eine Mail von einer Zuschauerin, die den Kongress verfolgt hatte. Diese E-Mail hat mich so berührt, dass ich sie kurzerhand um ein Interview bat.

Lese nachfolgend, wie weitreichend mein Interview mit Dr. Rainer Böhm zum Thema „Risiken der frühen Fremdbetreuung“ das Leben einer Familie beeinflusst hat.

Liebe Kathrin, Du bist Mama einer Tochter. Wie alt ist sie zum jetzigen Zeitpunkt? Von wem wurde sie bisher betreut?

Meine Tochter ist 10 Monate alt. Bisher haben mein Mann und ich sie überwiegend selbst betreut. Den größeren Anteil daran hatte und habe allerdings ich, da mein Mann voll berufstätig ist. In Ausnahmefällen wird meine Tochter von meinen Eltern oder meinem Bruder und seiner Frau betreut, was sich zeitlich aber in einem überschaubaren Rahmen hält und eher selten stattfindet.

 

Wie habt ihr euch die weitere Betreuungssituation vorgestellt? Was war euer Plan?

Unser Plan war, dass unsere Tochter, wie alle anderen Kleinkinder, die ich bisher kennengelernt habe, um ihren ersten Geburtstag in die Krippe gehen sollte. Wir hatten einen Krippenplatz sicher und der Vertrag sollte demnächst unterschrieben werden. Mein Mann plante einen Monat Elternzeit, um mit unserer Tochter die Eingewöhnung zu machen. Währenddessen wollte ich mit 28 Stunden/Woche wieder in den Beruf einsteigen.

Nach der Eingewöhnungszeit hätte ich meine Tochter morgens auf dem Weg zur Arbeit in die Krippe gebracht und am frühen Nachmittag wieder abgeholt.

 

Aus welchen Gründen seid ihr von diesem Plan abgekommen?

Ich bin bei Facebook über euren „Bedürfnisorientiert Aufwachsen Online Kongress“ gestolpert. Da wir ebenfalls bedürfnisorientiert „erziehen“, hatte ich schon sehr viel zu diesem Thema gelesen und war gespannt, ob ich noch etwas Neues erfahren würde.

Dann hörte ich das Interview mit Dr. Rainer Böhm über die frühkindliche Fremdbetreuung. Plötzlich war es da, das Neue. Ich war wie gefesselt. Warum hatte ich mir über dieses Thema vorher noch keine intensiveren Gedanken gemacht? Für mich war es ganz „normal“, dass man sein Kind mit einem Jahr in die Krippe gibt („machen alle so“, Elterngeld endet, Anschluss an die Arbeit nicht verlieren), ist das doch der übliche Weg heutzutage.

Neu war auf einmal die Frage, ob das „Normale“ auch das „Richtige“ für uns war?

Uns war bewusst, dass Kinder sichere Bindungen brauchen, um die Welt um sich herum entdecken zu können. Wir hielten es bis zum Hören des Interviews für möglich, dass die Kinder, insbesondere zu ihrem Bezugserzieher eine sichere Bindung aufbauen können.

In Anbetracht des heutigen Betreuungsschlüssels, verschiedener Umstände hinsichtlich der Erzieher (persönliche Einstellung, Krankheit, Urlaub, Zuständigkeitswechsel, Unterbesetzung) und der Erfahrungen befreundeter Eltern, haben wir uns gefragt, ob diese sichere Bindung überhaupt erreicht werden kann und wann der richtige Zeitpunkt für eine außerfamiliäre Fremdbetreuung für uns gekommen ist?

Besonders aufgerüttelt hat mich die Information über die enorme Stressbelastung der Kinder, von der im Interview die Rede war und dass diese trotz qualitativ hochwertiger Tagesbetreuung in den meisten Fällen vorliegt. Diese soll vergleichbar hoch sein wie bei Managern? Das wollten wir natürlich auf keinen Fall.

Ich las noch ergänzende Artikel und hörte ein weiteres Interview zu dieser Thematik.

Danach konnte ich den Gedanken nicht mehr ertragen unsere Tochter so früh in die außerfamiliäre Fremdbetreuung zu geben. Passte es doch irgendwie auch nicht zu unserem sonstigen Umgang mit ihr.

 

Welche Gedanken kreisten in euren Köpfen herum, nachdem ihr das Interview mit Dr. Rainer Böhm gesehen habt?

Das erste, was ich nach dem Zuhören gemacht hatte, war tatsächlich weinen. Ich kann gar nicht sagen, was genau es war, was es ausgelöst hatte. Vielleicht war es die Erleichterung, dass ich dieses Interview noch rechtzeitig gehört hatte oder das Wissen, dass ich meine Tochter eventuell maßlos überfordert hätte, ohne auch nur darüber nachzudenken.

Konnten wir sie tatsächlich zu Hause lassen? Was denken wohl  Familie und Freunde darüber? Und die Kita? Hatten wir doch einen der rar gesäten Krippenplätze und dann auch noch in unserer Wunschtagesstätte ergattern können. In drei Tagen sollte ich die Unterlagen abholen und den Vertrag unterschreiben.

Was sagt wohl der Arbeitgeber zu der Geschichte? Er rechnete fest mit meiner Rückkehr im August. Oder sollte lieber mein Mann zu Hause bleiben? Mindestens ein Jahr raus aus dem Beruf, in dem es doch eigentlich gerade ganz gut lief?

Und was ist mit dem finanziellen Aspekt? Können wir von nur einem Gehalt leben?

Das alles waren Fragen, die in unseren Köpfen herumschwirrten und beantwortet werden wollten.

 

Welche Taten folgten den Gedanken?

Mein Mann und ich sprachen viel über dieses Thema. Musste doch eine Entscheidung getroffen werden. Dass wir unsere Tochter zu Hause lassen wollten, war für uns beide relativ schnell klar. Wer von uns beiden allerdings den Job für eine gewisse Zeit an den Nagel hängen würde, konnten wir erst nach vielem Nachdenken und Abwägen entscheiden.

Letztendlich wird es mein Mann sein, der mindestens ein Jahr in Elternzeit gehen wird.

Wir mussten sämtliche Anträge zur Elternzeit und Teilzeit ändern und mit dem Arbeitgeber besprechen. Die Kita wurde abgesagt und die Unterlagen unausgefüllt wieder dort abgegeben.

 

Wie werdet ihr die Selbstbetreuung eurer Tochter nun realisieren? Wer arbeitet wann und als was?

Einleitend muss ich sagen, dass wir beide Beamte sind und unser Arbeitgeber sehr flexibel und unproblematisch mit Teil- und Elternzeit umgeht. Uns ist bewusst, dass dies in der freien Wirtschaft nicht immer so problemlos ist. Ich werde an meinem vorherigen Arbeitsplatz wieder in Vollzeit arbeiten und mein Mann wird für mindestens ein Jahr in Elternzeit gehen.

Natürlich werden wir in meinen freien Zeiten gemeinsam die Zeit mit unserer Tochter genießen.

 

Wird das finanzielle Einbußen nach sich ziehen oder könnt ihr trotzdem euren Lebensstandard beibehalten?

Heutzutage mit einem Gehalt zu leben ist schon eine Herausforderung. Unseren Lebensstandard werden wir herunterschrauben müssen und selbst dann wird das Geld immer eher knapp sein.

 

Habt ihr schon einen Plan, wie ihr damit umgehen wollt?

Auch darüber haben wir ausführlich gesprochen. Wir werden wohl ein Auto verkaufen und unsere private Rentenversicherung für eine gewisse Zeit ruhend stellen. Großartiges Sparen wird ebenfalls nicht drin sein. Da wir aber Geld zurückgelegt haben, können wir darauf zugreifen, sollte es doch knapper werden als gedacht. Dies ist ein beruhigendes Gefühl und hat zur Entscheidungsfindung einen großen Anteil beigetragen.

 

Habt ihr Bedenken bezüglich eurer Entscheidung, die gegen den Mainstream läuft, oder seid ihr euch aufgrund des Böhm-Interviews völlig klar, dass ihr das Richtige für euch und eure Tochter tut und die Kommentare von Außen lassen euch kalt?

Das Interview hat uns noch einmal aufgerüttelt und uns das Problem in seiner Tragweite bewusst gemacht. Wir haben uns jetzt für unseren Weg entschieden und stehen auch 100 % dahinter. In gewisser Weise sind wir auch schon daran gewöhnt, Entscheidungen gegen den Mainstream zu treffen (z.B. Tragen, Familienbett…) Auch hier waren und sind wir uns sicher, dass sie das Beste für unsere Tochter sind.

Der Verzicht auf die Krippe ist nun ein weiterer Schritt auf unserem gemeinsamen Weg.

 

Hast Du Sorgen oder Bedenken, was die Zukunft angeht?

Nein, Sorgen machen wir uns nicht.

Uns ist aber bewusst, dass zukünftig noch weitere Entscheidungen getroffen werden müssen, auf die wir dann unsere persönliche Antwort finden werden.

 

Liebe Kathrin, hab herzlichen Dank für das interessante Gespräch und die Beantwortung der doch sehr persönlichen Fragen. Ich wünsche Dir und euch von Herzen alles Gute auf eurem Weg und bewundere euren Mut! Deine Jenniffer