Aktiv aggressives Verhalten fällt besonders auf, weil es störend und bedrohend auf Mitmenschen wirkt. Aber auch passiv aggressives Verhalten wirkt störend auf andere. Der Unterschied: aktiv ist eher angreifend, passiv eher zurückziehend bis nicht ansprechbar, weil kommunikativ verschließend. Insofern ist es bei aktiver Aggression leichter, einfühlsam zuzuhören.

Dazu ein Beispiel aus meiner Arbeit als Hobby-Opa:

„Eine Mutter hat ihren Sohn bei der Abgabe ermahnt, sich nicht wild und damit aktiv aggressiv zu verhalten. Als sie fort war, war ihm das aber egal. Er fuhr mit seinem aggressiven Verhalten fort. Mit einem von mehreren Opas versuchte er auf wilde Art zu kämpfen. Gelegentlich schlug er Mädchen ohne erkennbaren Grund. Für uns als Mitverantwortliche war das nicht akzeptabel. Das habe ich der Mutter beim Abholen berichtet. Vor allem sollte sie wissen, wie sich ihr Sohn während ihrer Abwesenheit verhält, um daraus eigene Schlüsse ziehen zu können.

Bei diesem Gespräch habe ich sie gefragt, ob ich ihr ein paar persönliche Fragen stellen dürfe. Nach ihrer Zustimmung fragte ich, ob ihr Sohn vom Vater oder anderen erwachsenen männlichen Personen zur Stärke angehalten würde. Sie sagte: „nein“. Dann habe ich ihr meine weitere Einschätzung über das Verhalten ihres Sohnes nach ihrer Zustimmung mitgeteilt: „Ich habe den Eindruck, dass Ihr Sohn Aufmerksamkeit für sich selbst, Anerkennung und Nähe sucht.“ Sie nahm diesen Gedanken an.

Hinweise: Dieses vorsichtige Herantasten hielt ich deshalb für sinnvoll, weil wir in der Zeit unserer Betreuung keine Erziehungsberechtigung ohne die Zustimmung der Eltern haben. Zum anderen entdecken wir beim Verhalten der Kinder unter Umständen auch mögliche Probleme. Deshalb ist eine möglichst empathische Vorgehensweise nötig. Es geht uns auch um die Persönlichkeiten der Eltern und ihrer Würde. Partnerschaftliche Zusammenarbeit hilft besser, mögliche Probleme zu lösen. Die Erziehungsverantwortung bleibt bei den Eltern.

Wie bin ich zu diesen Ergebnissen gekommen?

Ich hatte hier nur die Gelegenheit den Jungen einfühlsam zu beobachten. Dabei musste ich alle seine Handlungen möglichst so gut beobachten, dass ich erkennen konnte, was in seinem Inneren vor sich geht. Trotzdem konnte ich die eigentliche Ursache nicht einwandfrei erkennen, weil ich ihn nicht in allen möglichen Beziehungen erlebt habe. So versuchte ich es mit eigenen Schlussfolgerungen, die meinen Kenntnissen über Erziehungsmethoden Buben gegenüber entsprachen:

1. Möglichkeit: Macht und Durchsetzung -> stark sein
2. Möglichkeit: Annahme und Anerkennung, die er sich durch sein aggressives Verhalten sucht

Beim nächsten Besuch ermahnte die Mutter ihren Sohn nicht, sondern verabschiedete sich von ihm besonders annehmend. Er verhielt sich danach die gesamte Zeit bei uns wesentlich ruhiger und spielte auch mit dem einen oder anderen Mädchen sehr friedlich. Ich fragte eines der Mädchen, wie sie sich dabei fühle. Sie sagte: „gut“. Und auch der Junge hat sich positiv geäußert. Er wollte sogar meine Nähe. Meine Frage, wie es ihm dabei gehe, beantwortete er mit „gut“.

„Hast du dir das schon lange gewünscht, annehmend behandelt zu werden?“

“Ja“, war die Antwort.

Damit war ein starker Wunsch nach Anerkennung bei ihm erkennbar und für mich die Bestätigung, die Ursache für das Problem gefunden zu haben.

Als er von seiner Mutter abgeholt wurde, habe ich ihr in seinem Beisein berichtet, was geschehen ist. Sie bedankte sich für diese Hilfe. Ihre Frage, wie ich das geschafft hätte, beantwortete ich mit: „Ich habe ihren Sohn so genau wie möglich beobachtet und dabei entdeckt, dass ihm etwas fehlte, nämlich Anerkennung.“

Gelöst wurde das Problem des Buben durch die Hilfe seiner Mutter einerseits, aber auch durch ihn selbst durch das Gefühl, nun anerkannt zu sein. Auch noch einige Monate später ist sein Verhalten anderen Menschen gegenüber deutlich freundlicher und kameradschaftlicher.

Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie wichtig es ist, einen persönlichen und intensiven Kontakt mit den Kindern zu haben. Nur so können Probleme wirklich erkannt werden. Das ist über das Internet leider nicht ausreichend möglich.

 

Das nächste Beispiel beschäftigt sich mit einem Mädchen, das mir ein wunderbar partnerschaftliches Miteinander zeigte.