Dr. Svantje Schumann ist Pädagogin, Autorin und Wissenschaftlerin, sowie Mama von zwei Kindern. Sie weiß, wovon sie spricht. Und sie hat richtig Ahnung, wie man in dem folgenden Interview schnell feststellen wird.

Als ich sie fragte, ob sie mir für meinen Blog ein Interview gibt, hat sie sofort zugestimmt.

Bringe ein bisschen Zeit mit, setze Dich mit einer warmen Tasse Tee und einer Kuscheldecke auf die Couch, und tauche ein in ein Interview, in dem Theorie mal nicht langweilig ist.

 

Frau Dr. Schumann, Sie sind Pädagogin und Wissenschaftlerin. Was sagen Sie zu einem der Hauptargumente in Bezug auf die Fremdbetreuung: Die Wichtigkeit der frühkindlichen Bildung?

Man muss erst einmal klären, was Bildung ist. Mir selbst leuchtet die Definition, die der Soziologe Ulrich Oevermann gebraucht, sehr ein. Bildung, das bedeutet, dass man in Momenten der intensiven Wahrnehmung Erfahrungen sammelt, die auch Fragen auslösen können und letztlich dazu führen, dass man zu Interpretationen über die Welt gelangt – auf welchem Niveau auch immer. Im Sinne Oevermanns ist das Ziel von Bildungsprozessen die Autonomie, d.h. ein Individuum hat, nach Abschluss der Adoleszenzkrise, im Idealfall die Fähigkeit, seine eigenen Entscheidungen in eine immer offene Zukunft hinein zu treffen und mit den Konsequenzen klarzukommen. Ein erfolgreicher Bildungsprozess führt dazu, dass ein Mensch stabil und sicher im Leben steht, und in diesem Leben, das voller Unwägbarkeiten ist, sich zutraut, eine eigene Meinung zu haben und eben, eigene Entscheidungen zu treffen. In einem gelingenden Bildungsprozess bringt der Mensch seine Individualität hervor und andererseits sichert er diese gegen Belastungen und Zumutungen ab und ist in der Lage, seine Krisen selbstständig zu lösen oder sich Hilfe zu suchen, wenn er sie braucht.

In den Institutionen Krippe, Kita und Schule dominiert leider aktuell eine sehr funktionalistische Auffassung von Bildungsprozessen. Das Bildungsziel der Persönlichkeitsentfaltung, der Autonomie, scheint dort oft völlig aus dem Blick zu geraten. Bildung wird meist auf ein Verständnis im Sinne eines Kompetenztrainings reduziert. Kindern wird Wissen häufig regelrecht eingetrichtert. Wenn man schaut, was in den Krippen und Kitas stattfindet, zeigt sich, dass es überwiegend „Training“ ist, was da abläuft – da werden immer wieder dieselben Lieder gesungen, dieselben Verse aufgesagt, beim Essen die Becher gezählt und den Kindern die Farben der Becher vorgesprochen. „Routine“ oder „Ritual“ das sind ganz häufige Schlagworte in der Krippen- und Kita-Pädagogik für angeblich wert- und liebevolle Bildungsinputs. Auch wenn man unterstellt, dass die Absicht dabei eine gute ist und dass die Rituale den Kindern Sicherheit und Verlässlichkeit vermitteln und einen Lerneffekt haben sollen, so ist doch fraglich, was mit diesen oft monotonen, fantasielosen Übungen eigentlich erzielt wird. Pauken auf diese Art führt eben nicht dazu, dass man eine stabile Persönlichkeit entwickelt. Es kann auch gefragt werden, was passiert, wenn man Kindern quasi im Dauermodus mit sogenannten „kognitiv-aktivierenden“ Trainingseinheiten konfrontiert. Klar – Kinder sind neugierig. Aber man darf nicht denken, dass Kinder nun im Dauermodus Fragen stellen und man sie permanent mit Wissen füttern muss oder dass jedes Buch „Frühfördercharakter“ haben muss. Übrigens – viele dieser überdidaktisierten Frühfördermaterialien sind in meinen Augen misslungen – da findet man beispielsweise Kinderbücher, die unglaublich gekünstelt, klischeehaft und unmotiviert daherkommen, die sprachlich und gestalterisch wenig ästhetisch sind und von denen kaum Suggestionskraft ausgeht. Ich habe eher Angst, dass Kinder, die man derartig „fördert“, ziemlich schnell ihre Neugier verlieren.

Persönlichkeitsentwicklung – die ist begünstigt durch ein langsames, müßiges, in geschütztem Raum und in eine sichere Mutter-Kind- (oder Vater-Kind- oder Eltern-Kind-) Bindung eingebettetes In-Ruhe-Großwerden. Bildungsförderlich in diesem Sinne ist vor allem das Sammeln von Erfahrungen im Bereich der sozialen Kooperation. Interessanterweise wird im ganzen Diskurs um Frühförderung häufig die Bedeutung von Erfahrungen im Bereich der sozialen Interaktion übersehen. Es gibt viele Hinweise darauf, wie viel Kinder aus sozialen Kooperationserlebnissen lernen.

Befürworter der Institutionalisierung der Kinderbetreuung heben die dadurch angeblich gegebenen, besonders guten Möglichkeiten einer Bildungsförderung hervor; gerade Kinder aus bildungsfernen Milieus würden in besonderer Weise profitieren. Gegner einer umfassenden und insbesondere frühkindlichen institutionellen Betreuung warnen vor Schäden, die Kinder durch frühe Verlusterfahrungen erleiden können und vor einer Gefügigmachung von Menschen von klein auf, die Autonomiebildung verhindert und einseitig auf die Belange des Arbeitsmarktes hin ausgerichtet ist. Ich finde es bedenklich, dass so viele nicht belegte Aussagen bezogen auf die Fremdbetreuung von Kindern gemacht werden. Die meisten Aussagen werden auf einer rein theoretischen Ebene gebildet – nach wie vor gibt es vergleichsweise nur wenige empirische Studien. Aber trotz großer Unklarheit in Bezug auf Wirkungsannahmen findet Krippenalltag und momentan nach wie vor auch Krippenausbau statt.

 

Wie stehen Sie grundsätzlich zu früher Fremdbetreuung, also die Betreuung unserer Kinder unter drei Jahren und welches sind die Hauptgründe für Ihre Ansicht?

In einem Satz gesagt: Ich bin überzeugt, dass Kinder unter drei Jahren zu ihrer Mutter und/oder ihrem Vater gehören. Und das beruht auf meinen Analysen. Ich habe unter anderem in einer Forschungsstudie, zusammen mit meinem Kollegen Daniel Reinhard, Internetforen untersucht und geschaut, was schreiben dort Eltern, die ihre Kinder in eine Krippe bringen oder in naher Zukunft bringen werden. Bei diesen Internetforen kann man sich zunächst einmal die Frage stellen, warum die Menschen sich dort tummeln, anstatt beispielsweise Beratungsangebote aufzusuchen; warum sie den Austausch im Forum suchen. Es lässt sich vermuten, dass gerade Themen, die gesellschaftliche Tabus betreffen und/oder sehr persönlich sind, in solchen Foren platziert werden, da die Anonymität gewahrt bleibt und gleichzeitig mit bezugnehmenden Reaktionen gerechnet werden kann.  Vermuten lässt sich auch, dass Texte, die in solchen Internetforen eingestellt werden, in einem Modus der „Krise“ erstellt werden, d.h. in Momenten, in denen ein Problem als besonders gravierend und ungelöst empfunden wird. Der Zustand der Krise kann bewirken, dass Personen bereit sind, eine gewisse Schwelle zu überschreiten und sich ein stückweit zu entblößen – denn das schriftliche Darstellen bzw. die schriftliche Vertextlichung eines Problems im Internet bedeutet eine gewisse Entblößung. Die Zahl der „Hilfe-“ bzw. „Selbsthilfe-Foren“ ist entsprechend hoch. Das Einstellen von Forenbeiträgen ist gleichzeitig i.d.R. niedrigschwellig in dem Sinn, dass es z.B. bei nicht-kommerziellen Foren kostenlos ist.

Und was konnten wir bei der Analyse der Internetforen feststellen? Es drückt sich in fast allen Beiträgen aus, dass das Weggeben eines Kindes in jungem Alter in die Fremdbetreuung Quelle von massiven Schuldgefühlen ist. Es zeigt sich auch, dass die Trennung von Eltern und Kind ein für beide Seiten traumatisches, krisenhaftes Ereignis ist. Sprachlich tritt das Trauma immer wieder in den Forenbeiträgen explizit in Erscheinung – die Eltern schreiben z.B., sie hätten „Rotz und Wasser geheult“, sie schildern mit drastischen Worten, die die Realität jedoch gut widerzuspiegeln scheinen, wie sich die Kinder an sie geklammert hätten und sie diese von sich hätten losreißen müssen.

Viele Eltern sehen also sehr deutlich das Leid ihrer Kinder und ihr eigenes Leid, das mit der Krippenbetreuung verbunden ist. Aber was mich völlig überrascht hat, ist, dass die Eltern dann trotz ihrer doch wirklich guten Wahrnehmung zu Schlüssen kommen, die als sehr stereotype Aussagen daherkommen, z.B. „ich weiß ja, dass es meinem Kind dort viel besser geht als zuhause“, „Kinder brauchen eben andere Kinder, das ist gut für sie“ und so weiter.

Trotz guter Beobachtung und sensiblen Empfindens ziehen sie also nicht plausible Schlüsse, sondern tendieren zu auffallenden Ausweichbewegungen bzw. Vermeidungsstrategien bezüglich einer genauen Analyse des Geschehens. Viele Eltern greifen auf Strategien zurück:

Sie distanzieren sich vom traumatischen Geschehen, indem sie Probleme als für den eigenen Fall nicht zutreffend deklarieren, sie rationalisieren, indem sie die eigene Reflexions- und Entscheidungsfähigkeit betonen und den Eindruck vermitteln, dass sie gut orientiert bezüglich der Realität seien und die Situation unter Kontrolle hätten, sie relativieren, indem sie z.B. von einer nur temporär schwierigen „Phase“ sprechen oder sie negieren den Krisencharakter, indem sie alles in den Bereich des Normalen, Routinegemäßen verorten.

Es ist ganz offensichtlich, dass von den schreibenden Personen nicht mit ihren eigentlichen Beobachtungen vereinbare Deutungen und Einschätzungen produziert werden und von ihren Behauptungen, die Krippenbetreuung tue Kindern und Eltern gut, unreflektiert übernommen werden. Letztlich wollen die Schreibenden also gar kein Abraten seitens des Forums hören, sondern die Bestätigung, dass sie mit der Krippe das richtige tun und alles so bleiben kann, wie es ist.  Wie kann man sich das erklären? Unsere These lautet schließlich: die Trennung von Mutter bzw. Eltern und Kind in den ersten drei Lebensjahren muss eine solch basale Bedeutung für das Leben von Mutter bzw. Eltern und Kind haben, dass sie fast nicht zu bewältigen ist. Verdrängung wird dann zum Mittel des Selbstschutzes.

Noch etwas war bei der Analyse der Internetforen-Beiträge sehr interessant: Dass nämlich von eigentlich allen Schreibenden intuitiv geäußert wird, Kinder müssten die ersten drei Lebensjahre zuhause aufwachsen, gehörten in dieser Zeit also am besten in die Obhut ihrer Mütter bzw. Eltern. Viele Schreibende erwähnen das mehr oder weniger explizit, verwenden z.B. das Wort „Urvertrauen“ und schreiben, dass sich dieses „bekanntlich in den ersten drei Jahren entwickelt“, oder schreiben „Wir können es uns ganz einfach auch nicht leisten, dass ich 3 Jahre zuhause bleibe“. Diese magische Zahl drei bricht sich überall – sicherlich oft unbewusst – Bahn. Intuitiv gehen die Menschen davon aus, dass eine 100%ige mindestens dreijährige Eltern-Kind-Bindung nicht substituierbar ist. Meines Erachtens trifft diese naturwüchsige Intuition den Kern der Sache.

 

Was ist das Besondere in den ersten drei Lebensjahren?

Die Bindungserfahrung und die Erfahrung sozialer Kooperationen. Wenn man jetzt nochmal in die Krippen und Kitas schaut: Viel zu oft sind da die sozialen Interaktionen und ist die Bindungssituation „gestört“. Man denke zum Beispiel an die hohe Fluktuation von Personal, an den Betreuungsschlüssel. Soziale Interaktionen werden viel zu häufig nur rollenförmig praktiziert – eher in Form dieser sogenannten „Rituale“. Kinder profitieren aber vor allem von situativ-spontanen Interaktionen.

 

Was brauchen Kleinkinder unter drei Jahren in ihrem Alltag?

Die Bedürfnisse des Säuglings und Kleinkindes haben sich über die Jahrhunderte nicht verändert. Kleine Kinder brauchen Bindung, Nähe, dass man ihnen Zeit und Liebe schenkt. Jede Erfahrung, bei der man sein Kind begleitet, ihm aber, je nach Alter, auch zugesteht, sich ein stückweit selbst darin zu bewähren, führt zu Bildung in der Art von Persönlichkeitsentfaltung. Aber an erster Stelle steht immer die Bindung, und die Erfahrbarkeit der auf Bindung bezogenen Affekte. Krippenbetreuung bedeutet leider sehr oft Affektunterdrückung. Und Affektunterdrückung bei Kindern birgt das Risiko, dass Affekte sich „ihren Ausdruck in ,psychosomatischer Sprache‘ suchen“ – so drückt es Scheerer aus.

 

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die Mutter in dieser ersten Zeit?

Ganz einfach: Die primäre Bezugsperson ist nicht substituierbar. Das kann natürlich auch ein Vater sein. Oder eben Mutter und Vater. Aber einen davon braucht es zwingend, am besten beide. Und die Begründung ist wiederum die Bindung. Die Mütter haben diese Bindung ja schon während der Schwangerschaft. Oevermann hat die These, dass die Einnistung der Eizelle in der Gebärmutter bereits eine Entscheidung ist, die mütterlicher Körper und Eizelle treffen: Ob die Mutter-Kind-Beziehung gewollt ist. Wem diese These zu steil ist, der wird aber dennoch nicht abstreiten können, dass, wenn Bindung wichtig ist, die Bindung schon in der Schwangerschaft einen Einfluss auf ein Kind hat.

Insgesamt erschreckt mich, dass die Bedeutung von Mutter und Vater, oder eben der Familie, zunehmend keine oder nur eine geringe Aufmerksamkeit in öffentlichen Diskursen erfährt. Man stößt beim Lesen sogar auf Formulierungen wie „eine Überwindung der Familienfixierung“ sei nötig, und Familien seien nicht mehr das „Sinnmonopol“ für Kinder und es sei nicht gut, wenn sich das Leben von Kindern in Familien in „konzentrischen Kreisen“ bewege. Dabei liegt es doch auf der Hand, dass Familien für Kinder zentrale Lebenskontexte darstellen und in Hinblick auf Sozialisationsprozesse von entscheidender, weil prägender Bedeutung sind. Manchmal hat man den Eindruck, dass den Eltern jede Kompetenz abgesprochen werden soll und tendenziell die Behauptung in der Luft liegt, in Institutionen seien Kinder besser aufgehoben und eine institutionelle Substitution der Eltern-Kind-Bindung sei kein Problem; im Gegenteil sogar, der institutionellen Frühpädagogik komme eine entscheidende Weichenstellungsfunktion bezüglich der Gesamtbildungs- und damit auch Berufsbiographie von Menschen zu. Das klingt fast schon so, als würden Kinder, die nicht in Krippe oder Kita gehen, zu den Bildungsverlierern werden. Man hat fast den Eindruck, hier soll Eltern Angst gemacht werden. Ich sehe das genau umgekehrt. Ich glaube nicht, dass die Eltern-Kind-Bindung auf eine nicht-schädliche Weise substituierbar ist.

 

Sie haben schon angesprochen, dass Sie mit Daniel Reinhard zusammen ein Buch im Shaker Verlag Aachen herausgebracht haben, „Krippenbetreuung – eine Fallanalyse“. Was war Ihre Intention, ein solches Buch zu verfassen, und was wünschen Sie sich?

Zunächst vielleicht zu den Auslösern, das Buch zu schreiben, das sind eigentlich drei:

  • Ich habe einen sehr interessanten Artikel von Ann Kathrin Scheerer gelesen. Sie ist Psychoanalytikerin in Hamburg und hat erzählt, dass sie zunehmend mit Patientinnen zu tun hat, die in der DDR in Krippen aufwuchsen. Nun, im Erwachsenenalter, haben viele enorme Probleme und kommen zu ihr. Und sie konnte feststellen, wie sich in einigen Fällen zu frühe und zu lange Aufenthalte von Kindern in Krippeneinrichtungen auf Menschen auswirken, welche Verlusterfahrungen entstehen. Scheerer relativiert natürlich – sie sieht sehr wohl, dass das Wohlergehen von Kindern in Krippen oder Kitas sowohl vom Einzelfall (dem Kind, seinem Umfeld, Elter/n, Krippe/Kita) als auch von den beteiligten Menschen in der Einrichtung (Erzieherinnen und Erzieher, Leitung) und von der Qualität der Beziehung aller zueinander abhängt. Aber sie kritisiert in Bezug auf die Fremdbetreuung von kleinen Kindern einen zu frühen Beginn, eine zu lange Dauer, eine unzureichende und instabile Personalausstattung sowie die Überbetonung von kognitiven Aspekten und Lernen.
  • Als Wissenschaftlerin bin ich zudem sehr unzufrieden damit bzw. ich ärgere mich darüber, dass man auf so viele ungedeckte Behauptungen stößt, die Fremdbetreuung betreffend, auch in angeblich „wissenschaftlicher“ Literatur. Was man da alles liest! Krippenbetreuung sei wertvoll. Punkt. Oder: Ein übertriebenes Maß an Eigenbetreuung durch die Eltern basiere auf einer moralisch künstlich geschaffenen und zudem veralteten Pflichtauffassung. Oder: Die berufliche Tätigkeit von Müttern sei zeitgemäß, die Krippenunterbringung auch. Das sind alles ungedeckte Annahmen. Das geht nicht, das ist nicht zulässig. Das schreit danach, die Realitäten zu untersuchen, die ja da sind. Und da bot sich die Untersuchung von Internetforen an – da schreiben die Menschen sich, geschützt, weil anonym, den Kummer von der Seele bzw. versuchen es zumindest. Das sind für Wissenschaftler tolle Protokolle – Material unmittelbar aus dem „wahren“ Leben gegriffen. Die Analyse solchen Materials liefert Argumente. Dann erst findet eine sinnvolle Auseinandersetzung mit einem Thema statt.
  • Last but not least bin ich selbst Mutter von zwei inzwischen schon älteren Kindern. Und stand damals selbst vor der Situation: Was machen, wenn man sehr am wissenschaftlichen Beruf hängt und sehr an den Kindern hängt? Und wenn einem die Intuition sagt, bleib bei den Kindern – sie wollen es, Du willst es? Und auch die Erfahrungen im Bekanntenkreis – überall stehen Menschen vor dieser Entscheidung, Krippe ja oder nein, Kita ja oder nein.

Die Situation ist aktuell ja die, dass viele Eltern kaum eine Wahl haben und ihre Kinder in die Krippe geben müssen, weil das Einkommen nicht ausreicht und weil das Risiko zu hoch ist, den Job zu verlieren. Und gleichzeitig ist der gesamtgesellschaftliche Raum voller Behauptungen und Anforderungen – die auf die Menschen einen enormen Druck ausüben: Es sei angeblich einfach, als Mutter Kind und Arbeit unter einen Hut zu bringen, nur eine Frage der Organisation, die Symbiose zwischen Kind und Mutter sei tendenziell etwas Schädliches für beide, es käme nicht auf Quantity-Time an, sondern auf Quality-Time und so weiter.

Es ist viel zu viel Leid zu finden. Und Wissenschaft hat immer die Aufgabe, Krisen lösen zu helfen, am besten schon, bevor sie auftreten. Also, es ist erschreckend und erstaunlich, wie viele Eltern sehenden Auges das Leid ihres Kindes und ihr eigenes „in Kauf nehmen“ und erschreckend, wie Eltern alle möglichen Rationalisierungsstrategien bemühen, um sich die Fremdbetreuung schönzureden – das fängt damit an, dass die höhere Infektanfälligkeit als willkommene Immunisierung dargestellt wird, ohne genau zu differenzieren und zu diagnostizieren, ob es sich um einen „normalen“ Infekt handelt oder um ein psychosomatisches Stresssymptom. Und da ist Wissenschaft gefragt, mehr Licht ins Dunkel zu bringen, über die Strukturen, die hier am Wirken sind.

Und die ökonomischen Zwänge, mit denen etliche Eltern zu kämpfen haben, sind ja nicht von der Hand zu weisen. Über Ursachen und Abhilfe kann man auch spannende Diskurse führen und da herrscht auch Handlungsbedarf. Aber man muss ja auch kurzfristig zu Aussagen und Lösungen kommen. Wenn also Eltern zu einem frühen Zeitpunkt nach der Geburt des Kindes wieder auf Einkommensgenerierung angewiesen sind, und gegen ihren eigenen Willen die Kinder fremdbetreuen lassen müssen, dann muss man Aussagen darüber treffen können, wie Leid minimiert oder vermieden werden kann.

Und da können wissenschaftlich abgeleitete Schlüsse durchaus nutzenstiftend sein. Natürlich ist es so, dass für Krisen gilt, dass es für sie keine Patentlösungen gibt – auf Krisen muss man individuell eingehen. Aber es lässt sich doch über einige Strukturen grundsätzlich nachdenken, im Sinne von „wenn schon Krippe, dann…“.  Also beispielsweise: Wenn davon ausgegangen wird, dass die Eltern-Kind-Bindung nicht substituierbar ist, sollte wenigstens eine Situation der Stabilität der Bezugsperson-Kind-Beziehung in der Krippe gewährleistet sein; zum einen in der Form, dass die Bezugspersonen stabil in sich sind, also stabile Persönlichkeiten haben, und zum anderen, indem die Beziehung zwischen Kind und Bezugsperson in der Krippe zeitlich andauernd ist – das heißt also, keine Personalfluktuation. Aus dieser Überlegung ergeben sich entsprechende Forderungen für Arbeits- und Entlohnungsbedingungen für Fachkräfte, die in der Krippenbetreuung tätig sind.

 

Warum glauben Sie, dass sich Eltern kein richtiges Bild machen können? Werden ihnen Fakten vorenthalten oder sie bewusst in eine (Gedanken)Richtung gelenkt? Falls ja, aus welchen Gründen ist das so?

Wenn man auf die Frage antworten will, läuft man schnell Gefahr, in die Schublade „Verschwörungstheoretikerin“ geschoben zu werden. Aber sei es drum, mein Eindruck ist, dass Mütter einfach auf den Arbeitsmarkt kommen sollen, dass dies seitens Wirtschaft und Politik gewünscht ist – meist sind sie ja auch billige Arbeitskräfte. Und wenn die Mütter auf den Arbeitsmarkt kommen, dann müssen die Kinder eben fremdbetreut werden. Ich sehe da schon entsprechende, nun, wirtschaftliche Interessen. Es gibt durchaus noch westeuropäische Länder, in denen für viele Familien nach wie vor ein Einkommen ausreicht und ein Elternteil zuhause bleiben kann. In Zeiten von „Jobwundern“ in Deutschland ist das nicht der Fall.

Interessant ist doch, welche Organisationen und Institutionen in der Frühförderung besonders aktiv sind. Warum fördern gerade starke Wirtschaftsunternehmen so stark die Frühbetreuung und sponsorn beispielsweise Lernmaterialien im Bereich der Frühförderung?

Kann ja sein, dass sie sich wirklich davon erhoffen, auf diese Weise die ingeneurealen Fachkräfte von morgen „heranziehen“ zu helfen – kann aber auch sein, dass die Mütter eben auf dem Markt sein sollen und das Gefühl haben sollen, die frühe Förderung in Institutionen ist das Beste für ihr Kind und zuhause nicht leistbar.

Das Beste fürs Kind – es stehen so viele ungeprüfte und nicht belegte Aussagen im Raum, dass sich Eltern irgendwann nicht mehr auf ihre Intuition verlassen und stattdessen Ratgeber lesen, z.B. wie ein Kind ein- und durchschlafen soll. Heutzutage wird man überschwemmt von den schon von mir angesprochenen stereotypen Aussagen wie z.B., dass Kinder erfolgsverzögernde Karrierehindernisse für Frauen seien, dass eine Entscheidung für eine Krippe vernünftig und für das Kind förderlich sei, dass Eltern ihre Kinder zu sehr verwöhnen würden, und dass Kinder in Krippen und Kitas hingegen viel besser zu Selbstorganisation fähig seien. Man muss schon sehr selbstbewusst und sehr gut orientiert im Leben stehen, um sich eine eigene Meinung, scheinbar jenseits dieses „Mainstreams“ zu bilden – sonst fängt man vielleicht selbst an zu glauben, was man hört. Es ist fatal, dass Eltern, vor allem Mütter, so schnell das Vertrauen in ihre mütterlichen Fähigkeiten und in ihre einzigartige Bedeutung für ihr Kind verlieren.

 

In Ihrem Buch führen Sie drei Fallanalysen durch. Was genau ist eine Fallanalyse und wozu dient sie?

Auf einer Metaebene kann man leicht stundenlang diskutieren, ohne den Dingen am Ende näher gekommen zu sein oder gar Ansätze für Lösungen herbeigeführt zu haben – man kann behaupten, dass Fremdbetreuung in den ersten Lebensjahren förderlich für Kinder ist oder schädlich. Wenn man sich aber mit realen Fällen auseinandersetzt, ist man gezwungen, klare Aussagen zu treffen.

Wie eine Fallanalyse funktioniert, das lässt sich am besten an einer Beispielsequenz zeigen. Wir hatten beispielsweise bei der Untersuchung der Internetforen-Beiträge einen Text, in dem schrieb jemand: „Das „Theater“ am frühen Morgen ist zwar temporär besser geworden (sie ist nie von alleine in die Gruppe gegangen, sondern ich muss sie immer reintragen), aber nun weiß ich einfach nicht mehr weiter.“

Indem sie das Wort „Theater“ in Anführungszeichen setzt, zeigt sich bei der schreibenden Person, dass sie mit dem Problem auf Distanz geht. Theater bezeichnet zudem die szenische Darstellung eines Geschehens, ist also tendenziell als etwas Inszeniertes zu betrachten und stellt nicht das echte Geschehen dar. Der morgendlichen Krise wird so ein Stück weit die Authentizität abgesprochen: Das Kind spielt bloß Theater. Damit wird implizit auch ausgedrückt, dass das Kind unnötig etwas vorspielt und gezielt und zweckvoll versucht, andere zu ärgern bzw. ihnen Schwierigkeiten zu machen. Dem Kind wird unterstellt, dass es bewusst eine Wirkung zu erzeugen versucht, dass es taktiert. Auch so wird das Problem auf Distanz gehalten.

Dabei ist die vorhandene Krise nicht zu unterschätzen. Ein Morgen assoziiert im Grunde etwas Schönes, einen Neuanfang, dem man mit Optimismus oder Pessimismus begegnen kann. Im vorliegenden Fall beginnt der Tag in der Regel mit einer Krise. Das in Klammern-Setzen eines Teil-Satzes, in dem die Rolle des Elternteils zentral angesprochen wird, zeugt ebenso von einem Auf-Distanz-Halten des Problems.

Und noch etwas: Die Aussage, das Theater sei temporär besser geworden, ist insofern sprachlich missglückt, als dass sicher nicht gemeint war, dass das Theater besser geworden ist, sondern ausgedrückt werden sollte, dass die Bewältigung der Trennung besser geworden sei. Das Theater sei besser geworden würde ausdrücken, dass die Inszenierung mehr den Geschmack der schreibenden Person trifft oder irgendwie angenehmer ist. Temporär weist aber darauf hin, dass diese Verbesserung nicht auf Dauer angelegt und damit nicht verlässlich ist. Hier zeigt sich, dass die schreibende Person nicht wirklich daran glaubt, dass die Krise als solche bewältigt wurde, auch wenn sich die nach außen sichtbar werdenden Symptome anscheinend während einer gewissen Zeitdauer veränderten.

Die Formulierung „Nie von alleine in die Gruppe gegangen“ zeigt, dass das Kind von sich aus, also freiwillig, nie in die Gruppe gehen würde, sondern die Nähe der schreibenden Person bevorzugt. Das Kind zeigt damit eine klare intuitive Präferenz. Es geht nicht freiwillig in die Gruppe – die die Sozialform der Kita ist. Das bedeutet in der Folge prinzipiell, dass man das Kind dazu in erheblichem Maße zwingen muss. Im Reintragen drückt sich dieses wider den Willen des Kindes vollzogene Vorgehen aus. Das Kind in der Krippe zu belassen, geht nur unter Anwendung von Zwang.

Die Methode, mit der wir auf diese Weise arbeiten, ist die Objektive Hermeneutik. Man versucht bei dieser Methode, die sogenannten objektiven Sinnstrukturen zu ermitteln. Was ich mag an Fallanalysen ist: Jedem liegt das Datenmaterial, das Protokoll, vor, also z.B. eben diese Sequenz aus dem Internetforen-Beitrag. Und alle können Einsicht nehmen in die Analyse und nachvollziehen, wie auf der Basis des Protokolls Argumente generiert und Urteile auf ihre Gültigkeit hin überprüft wurden. Jede und jeder kann an jeder Stelle im Zweifelsfall mit einem besseren, also plausibleren Argument aufwarten. Auf diese Weise bleibt es nicht bei Behauptungen und Vermutungen, sondern man gelangt zur Argumentation.

Eine argumentative Auseinandersetzung – das ist in Bezug auf die Krippenthematik wirklich überfällig.

 

Gibt es noch etwas, das Sie unseren Lesern sagen möchten?

Ich kann mich, auch nach Sichtung von zig Internetforen, des Eindrucks nicht erwehren, dass Menschen, die ihr Kind in den ersten drei Jahren bei sich haben wollen, in der Mehrzahl sind. Die Mehrheit schweigt aber, u.a. weil sie das Gefühl hat, machtlos zu sein – auch im Angesicht der überall anzutreffenden Postulate, in denen Fremdbetreuung als „normal“ und „förderwirksam“ dargestellt wird.

Es ist so, dass ein offener Meinungsaustausch und eine partizipative Lösungsfindung bezüglich u.a. Krippenbetreuung tendenziell nicht stattfindet – Eltern sind bereits schon „Externe“ und die handelnden Instanzen besitzen relativ große Regelungsmöglichkeiten und stehen kaum unter Rechtfertigungszwang. Es gibt für sie keine unmittelbare Notwendigkeit für einen Legitimationsnachweis beschlossener Maßnahmen.

Als besonders schlimm empfinde ich es, wenn die Politik so weit geht, dass sie, wie in einigen Ländern realisiert, eine Kindergartenpflicht und bei Verstoß Bußgelder einführt. Das ist eine Entmündigung von Eltern. Eine Vision wäre es, wenn die Mehrheit versuchen würde, sich eine Stimme zu verschaffen und sie sich trauen würde, Ehrlichkeit im Diskurs einzufordern und wenn sie weitere Forderungen stellen würde. In einer Demokratie muss es möglich sein, dass man Dinge in Frage stellt. Rechte wie Mündigkeit und damit verbundene Wahlfreiheit dürfen nicht unbegründet eingeschränkt werden.

Mir ist wichtig, zwei Dinge abschließend noch klarzustellen:

  1. Es gibt viele Krippen- und KindergartenpädagogInnen, die trotz schlechter Bezahlung und oftmals wenig Anerkennung versuchen, die Kinder liebevoll und wertschätzend zu umsorgen. Es ist nicht so, dass ich alle Krippen einschließlich der in ihnen arbeitenden Menschen verurteile. Aber man muss darüber nachdenken dürfen, wie man die Krippen für die Kinder, die sie – aus welchen Gründen auch immer – besuchen, zu Orten machen kann, wo Kinder geborgen aufwachsen können.
  2. Es ist sehr schwierig, sich in der heutigen, sehr durch Konsum und Medien geprägten Zeit, zu orientieren. Ich möchte daher auch keine Eltern verurteilen, die Kinder in Krippen geben. Es ist nur wichtig, finde ich, die Entwicklung der Gesellschaft in eine solche Richtung mitzugestalten, in der möglichst viele Menschen in der Lage sind, sich an gesellschaftlichen Diskursen zu beteiligen und informiert genug sind, damit sie eigene Entscheidungen treffen können.

 

Zum Buch von Dr. Svantje Schumann und Daniel Reinhard geht es HIER entlang.