Mein Kind – mein Spiegel

Mein Kind – mein Spiegel

Es klingelt an der Tür. Mein 2 ½ jähriger Sohn ist neugierig, öffnet sie, dreht sich beim Anblick einer (auch ihm bekannten) Person prompt um und will „Arm“. Dort angelangt presst er seinen winzigen Körper fest an mich, klemmt seinen kleinen Kopf an meine Schulter und flüstert mir in einer Dauerschleife ins Ohr: „Arm. Ganz fest.“

Eine andere Situation erlebten wir kürzlich in einem nicht zu kleinen Kinderplanschbecken, in dem unser Sohn spielte. Wenn andere Kinder in seine Nähe kamen, rannte er zu uns, wollte, dass wir ihn ganz festhalten und sagte: „Ich mag keine Kinder.“

An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich nicht der Meinung bin, dass das an der fehlenden Sozialisierung durch die Selbstbetreuung liegt! Aber das ist ein anderes Thema, das einen eigenen Artikel wert ist.

In einer Strophe aus unserem Lieblingslied, das ich Emil wunschgemäß täglich vorsinge, heißt es:

„Weißt Du eigentlich, wie lieb ich Dich hab? Du bist einmalig. Genau so, wie Du bist, so nehm´ ich Dich an, bin für Dich da.“

Er liebt dieses Lied. Kein Wunder. Welches Kind wünscht sich nicht, dass es genau so sein darf, wie es ist und dafür geliebt und angenommen wird?!

Ich habe Emil gerade zum Mittagsschlaf hingelegt. Normalerweise schlafe ich mit ihm ein. Jetzt jedoch macht mir das Gedankenkarussell in meinem Kopf einen Strich durch die Rechnung. Schreiben hilft mir, Klarheit zu bekommen. Also ran an den PC.

Der Vormittag war für mich extrem anstrengend. Ich wurde mal wieder mit einem „zu viel“ konfrontiert. Wer das kennt, weiß, wovon ich spreche.

Nun, ich habe ein großes Problem mit vielen Menschen auf einem Haufen.

Immer schon.

Als Kind bereits saß ich auf Kindergeburtstagen bei Spielen an der Seite und wollte lieber zuschauen. Mitmachen war mir zu viel. Zu laut, zu hektisch, zu unvorhersehbar.

Als Jugendliche, 15 Jahre alt, lief ich abends um sieben im Schlafanzug durchs Haus und freute mich darauf, mich mit meinem Buch ins Bett kuscheln zu dürfen. Meine Mutter bot mir damals sorgenvoll an, dass, wenn ich mal weggehen wolle, ich so lange raus dürfte, wie ich wollte. Ich wollte aber nicht. 😉 Die Sicherheit meines Elternhauses bot mir alles, was ich brauchte. Einen geschützten Rahmen, in dem ich mich geborgen fühlte. Das reichte mir.

Heute weiß ich, das nennt man Hochsensibilität. Damals wusste man das nicht. Ich musste da in vielen vielen Situationen einfach durch.

Unser Sohn, mein Spiegel, hilft mir aktuell dabei, mich so anzunehmen, wie ich bin.

Ja, verdammt, ich mag keine Menschenmassen. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und sage: Ich bin menschenscheu. Ich bin skeptisch und misstrauisch anderen gegenüber. Ich spüre so viel, auch ohne Worte. Ich spüre, wenn Menschen nicht ehrlich sind. Ich spüre, wenn sie kein wirkliches Interesse an mir als Mensch haben.

Ich habe im Laufe meines Erwachsenen-Lebens gelernt, Beziehungen zu Menschen aufzubauen, oder überhaupt mit ihnen in die Interaktion zu gehen, weil es beruflich gar nicht anders ging. Immer wieder werde ich mit meinem „Makel“ konfrontiert. Doch je klarer mir wird, dass es sich hierbei nicht um einen Makel handelt, desto besser kann ich „es“ akzeptieren.

Ich bin okay, so wie ich bin!

Genauso wie ich immer zu meinem Sohn sage, dass er okay ist, wie er ist!

Ich akzeptiere und schütze seine Schüchternheit.

Genau so, wie Du bist, so nehm´ ich Dich an. Und ich bin für Dich da!

Heute wurde es mir so bewusst wie noch nie zuvor: Mein Sohn spiegelt mich. Ich sehe mich selbst in diesem kleinen Wesen, das sich an mich klammert und während ich dies hier schreibe bilden sich Tränen in meinen Augen, weil ich es endlich verstehe.

Mein Sohn zeigt mir, was in meinem Inneren los ist.

Mein Sohn stellt mir mein eigenes inneres Kind vor.

Mein Sohn zwingt mich, hinzusehen und reinzuspüren.

Mein Sohn hilft mir, Heilung zu erfahren.

Ich kann mich leider nicht mehr an jemandem festklammern. So gerne ich das oft wollen würde. Ich bin erwachsen. Ich „muss da durch“. Irgendwie.

Aber muss ich das wirklich?

Kürzlich sagte eine Beraterin zu mir: Akzeptiere, dass Du niemals dazugehören wirst. Du bist eben ANDERS.

„Umgib Dich mit Menschen, die Dir gut tun“, hallt es nun durch meinen Kopf.

Wie wichtig ist das? Und gilt das auch für die Familie? Oder muss man da dann doch durch, weil Familie Familie ist? Wo spiegeln eure Kinder euch? Bringt euch der Prozess mit dem inneren Kind auch so an die Grenzen wie mich? Ich bin dankbar und gespannt auf eure Meinung in den Kommentaren. <3

 

Nun haben mich so viele Leser angesprochen, wie die CD heißt, auf der das oben erwähnte Lied drauf ist, dass ich es euch nicht vorenthalten möchte. Hier geht´s zur CD. Ehrlicherweise habe ich gar nicht daran gedacht, die CD überhaupt aufzuführen, aber warum nicht?! Ich kann sie wirklich empfehlen und mit dem Kauf über diesen Link hier unterstützt ihr gleichzeitig meine Arbeit. Und es kostet euch keinen Cent mehr. <3

About The Author

Tiefgründiger Skorpion, Tierliebhaber, Reiki-Meister, Indien-Fan, Vegan, Weltenbummler, in einer langfristigen Stillbeziehung, Gegen-den-Strom-Schwimmer, Nach-Alternativen-Suchende, Grüne-Smoothie-Trinkerin, im Herzen ein Flieger. Und nun auch Vorstandsmitglied im Verband Familienarbeit e.V. :-)

8 Comments

  1. bei mir war es ähnlich, ich wollte zwar oft dazu gehören und viele freunde haben. aber irgendwie merkte ich immer das das nicht ginge. für mich war es schon immer anstrengend zu vielen menschen kontakt zu halten. besonder zu menschen mit den man nicht gleich schwingt. ich hatte immer schon lieber tiefere freunde und dafür wenigere.

    und ich bin auch jetzt dabei zu akzeptieren das es einfach so ist. auch bin ich am akzeptieren das es eben menschen gibt die ich lieber meide und das das in ordnung so ist. dazu gehören auch meine eltern. klar sie sind familie, aber ich finde nur weil sie familie sind heißt das nicht das man nicht los lassen darf wenn es eben nicht mehr passt. das ging sogar so weit, das ich jeden meiner geburtstage gehasst habe. schon einige monate vorher hatte ich bammel vor meinem geburtstag, weil ich dann wieder alles so machen musste wie meine eltern das wollten, und ich bin 27 jahre alt. sobald ich etwas anderes machen wollte, an MEINEM geburtstag ist förmlich krieg aus gebrochen. dies zu umgehen ging bei mir sogar so weit, das ich mir jedes jahr etwas überlegte, einen grund warum ich nicht zuhause war, damit die menschen die ich nicht sehen wollte (darunter auch meine eltern) meinen geburtstag nicht für sich und ihre bedürfnisse verplanen konnten. jetzt hab ich es geschafft den kontakt ab zu brechen und weiter zu gehen. sie haben mich von meiner entwicklung fern gehalten. dieses mal ist der erste geburtstag von mir, auf den ich mich wirklich aus tiefstem herzen freue, weil ich nur die leute um mich haben kann die ich liebe 🙂

    also manchmal ist es auch gut familie einfach in eine andere richtung ziehen zu lassen.

    • Liebe Kathrin, das nenne ich mal ehrlich. 😉 Vielen Dank für die Einblicke in euer Leben. Ich freue mich für Dich, dass Du es geschafft hast, eine Entscheidung zu treffen, die sich für Dich gut anfühlt! Diesen Schritt zu gehen schaffen nur die wenigsten. Du hast meinen vollen Respekt. <3 Deine Jenn

  2. Ja, das merke ich auch immer öfter, dass meine Tochter mein eigenes Wesen widerspiegelt. Bei uns ist es allerdings genau anders herum: mich an meine eigene Kindheit zu erinnern hilft mir, mein Kind zu verstehen – besonders wenn sie ihre Wutanfälle bekommt. Ich weiß, dass ich besonders als Kleinkind sehr widerspenstig war und das hilft mir mit solchen haarigen Situationen umzugehen, ihnen gar mit einem Schmunzeln zu begegnen… Ohne diese Erkenntnis würde ich wohl wahnsinnig werden. Auch ich lege großen Wert darauf sie genau so anzunehmen und liebzuhaben wie sie ist und auch ich gewesen bin, sodass sie ihre Persönlichkeit entfalten und ihr Selbstbewusstsein entwickeln kann. Meines ist leider beizeiten auf der Strecke geblieben…

    • Liebe Sophie, vielleicht findest Du ja auch in Deiner Mutter jemanden, mit dem Du Dich austauschen kannst über das Wesen Deiner Tochter, da Deine Ma mit Dir offensichtlich das gleiche erlebt hat. 😉 Aber Du scheinst Deinen Frieden ja schon damit gemacht zu haben!

      Stichpunkt Selbstwertgefühl: Sich immer wieder bewusst zu machen, was Deine Stärken sind, und diese auch zu leben, hilft, Deinen Selbstwert zu steigern. Mach doch mal eine Liste und schreibe auf, was alles Du an Dir magst, auch, was andere an Dir mögen. Im Zweifel einfach mal Deine vertrauten Personen bitten, Dir dazu ein Feedback zu geben. Was kannst Du gut? Darauf den Fokus setzen, niemals auf die (vermeintlichen) Schwächen, die andere oft sogar sympathisch finden. Man ist ja leider immer am selbstkritischsten mit sich selbst… kennen wohl viele von uns. Chaka. Deine Jenn

      • Danke für deine Antwort! Ja, meine Mutti ist auch diejenige gewesen, die mich später als Schulkind und Jugendliche intensiv dabei unterstützt hat zu mir selbst zu finden, wahrscheinlich sogar der Mensch auf dieser Welt, der mich auch heute noch am besten versteht. Möchte sie nicht missen.
        Dennoch sind es nunmal gerade die ungestümen ersten Lebensjahre, die uns am stärksten prägen. Ich jedenfalls kann gelassen bleiben, wenn es um mein Kind geht, weil ich wie du erkannt habe: Das Kind ist wie es ist – es ist kein Fehler, keine Entwicklungsstörung und schon gar keine mangelhafte Erziehung daran „schuld“, sondern einfach sein ganz persönlicher Charakter, den es zu erhalten und zu stärken gilt.
        Alles Liebe! Sophie

  3. Mir fällt zu den oben beschriebenen Erlebnissen ein: einfühlsame Kommunikation ist die beste Methode Menschen kennen zu lernen, auch sich selbst.
    Ich übe diese Methode seit einigen Jahren besonders mit Kindern und spüre Erfolg in den Beziehungen.
    Vor allem, man kann Menschen auf diese Weise besser kennenlernen, wenn man sie so annimmt wie sie sind.
    Es ist schön, nicht nur ein formaler Großvater, sondern auch ein Freund sein zu dürfen.

    • Hallo 🙂 können Sie uns einen Praxistipp an die Hand geben in Bezug auf einfühlsame Kommunikation mit Kindern?

      • Ja, ich habe mehrere wunderbare Erlebnisse mit Kindern gehabt. Es sind aber nicht ausschließlich die eigenen.
        In meinen nun 7 Jahren als Hobby-Opa (neben meiner familienpolitischne Arbeit) habe ich von Kindern viel gelernt. Besonders habe ich versucht gewisse Kommunikationstechniken anzuwenden, die ich bisher eher theoretisch kannte. Dazu folgendes Beispiel:
        „Einen Bub – wild und Mädchen schlagend – hat die Mutter bei der Abgabe ihres Sohnes ermahnt. Als sie fort war, war ihm das aber egal. Er fuhr mit seinem aggressiven Verhalten fort. Mit einem von mehreren Opas versuchte er auf wilde Art zu kämpfen. Das habe ich der Mutter beim abholen berichtet. Bei diesem Gespräch habe ich sie gefragt, ob ich ein paar persönliche Fragen stellen darf. Nach ihrer Zustimmung habe ich sie gefragt, ob ihr Sohn vom Vater oder anderen männlichen Personen zur Stärke angehalten wurde. Sie sagte: „nein“. Dann habe ich ihr meine Einschätzung über das Verhalten ihres Sohnes nach ihrer Zustimmung mitgeteilt: „Ich habe den Eindruck, das ihr Sohn Aufmerksamkeit für sich selbst, Anerkennung und Nähe braucht.“ Sie nahm diesen Gedanken an.
        Beim nächsten Besuch ermahnte sie ihren Sohn nicht, sondern verabschiedete sich von ihm besonders annehmend. Er verhielt sich danach die gesamte Zeit bei uns wesentlich ruhiger und spielte auch mit dem einen oder anderen Mädchen sehr friedlich. Ich fragte eines der Mädchen, wie sie sich dabei fühle. Sie sagte gut. Und auch der Junge hat sich positiv geäußert. Er wollte sogar meine Nähe. Meine Frage, wie es ihm dabei gehe, antwortete er mit gut. „Hast du dir das schon lange allgemein gewünscht?“ “Ja“ war die Antwort. Damit war allgemein ein starker Wunsch nach Anerkennung bei ihm erkennbar.
        Als er von seiner Mutter abgeholt wurde, habe ich ihr mit seinem Beisein berichtet, was geschehen ist. Sie bedankte sich für diese Hilfe. Ihre Frage, wie ich das geschafft hätte, beantwortete ich mit: „Ich habe ihren Sohn so genau wie möglich beobachtet und dabei entdeckt dass ihm etwas fehlte, nämlich Anerkennung.“
        Gelöst wurde das Problem des Bubendurch die Hilfe seiner Mutter einerseits, aber auch durch ihn selbst mit dem Gefühl nun anerkannt zu sein.
        Beim einfühlsamen Zuhören und Beobachten geht es nur darum: zu erkennen bzw. kennenzulernen was der eigentliche Wille des Problembesitzers ist. Es geht hier noch nicht darum, das Problem zu lösen. Hier können wir nur den ersten Schritt einer Problemlösung durchführen: Den Konflikt identifizierten bzw. das Problem erkennen und definieren.
        Bei diesem Beispiel war das einfühlsame Beobachten gegenüber dem einfühlsamen Zuhören dominierend. Das Verhalten sagt manchmal mehr als Worte.
        Ich muss einschränkend erwähnen, dass dieser gelegentliche Umgang mit Kindern nicht dem üblichen Familienleben entspricht.