„Mama, kann ich noch einen Keks holen?“ Mein großer Sohn, Emil, (4) schaut mich bittend an. „Klar“, sage ich und lächele. Gleichzeitig quietscht auf meiner anderen Seite gerade unser Baby (1), dem es offensichtlich langweilig ist.

Heute ist eine Ausnahmesituation, denn ich weiß: Dieser Tag wird für meine Kinder sehr lang werden. Geplant war es ganz anders. Mein Mann und ich wollten uns mit unseren Söhnen nach dem Aufstehen auf den Weg von Mainz nach Stuttgart machen, wo die 40-Jahr-Feier des Verband Familienarbeit e.V. (ehemalige Hausfrauengewerkschaft – dhg) stattfand.

Ich freute mich darauf schon seit einiger Zeit. Endlich war der Tag da.

Mit den Kindern im Bad vernahm ich aus dem Nebenzimmer schon seltsame Geräusche meines Mannes. Nach dem ersten Schreck „er wird doch wohl nicht…“ wurde Gewissheit: Mein Mann ist krank, unmöglich für ihn, die Reise nach Stuttgart auf sich zu nehmen und mir heute den Rücken freizuhalten.

Was also tun?

Die Option, zu Hause zu bleiben, kam für mich nicht in Frage. Immerhin hatte ich ja auch Muffins gebacken und mein Großer hat (mit mir) liebevoll auf jeden Einzelnen eine 40 mit Zuckerguss gemalt. Und Emil hatte einen großen Koffer gepackt, voll mit Spielsachen. Damit er vor Ort beschäftigt ist.

Wer könnte mir jetzt helfen?!

Ein kurzer Anruf bei meiner Mutter, wie spontan sie sei, ergab leider, dass sie es nicht ist. 😉

Also musste ich in den sauren Apfel beißen und mich mit meinen beiden alleine auf den Weg ins Ungewisse machen. Wie werden sie mitmachen? Werden sie überhaupt mitmachen?

Wir Mütter sind flexibel, spontan, Multitasking-fähig. Das wird schon, dachte ich zuversichtlich. Da habe ich doch schon ganz andere Dinge geschafft, machte ich mir Mut.

Wenn ich zu diesem Zeitpunkt gewusst hätte…

 

Die Autofahrt verlief friedlich, in einem Rutsch. Baby Finn schlief durch, Emil hörte Hörbücher. Dass ich mich inzwischen schon selbst als Hörbuchsprecher des ‚kleinen Drache Kokosnuss im verbotenen Tempel‘ bewerben könnte, darauf will ich jetzt gar nicht weiter eingehen. 😉

Die Ankunft in Stuttgart brachte mein Nervenkostüm bereits ganz schön in Wallung. Durch eine Großstadt zu fahren ist für mich schon immer sehr abenteuerlich. Doch als das Ziel unserer Reise eine Fußgängerzone der Stuttgarter Innenstadt war, bekam ich bereits hektische Flecken im Gesicht.

Und jetzt? Wo sollte ich parken? Außer einem Parkhaus sah ich keine Möglichkeit, also fuhr ich dort rein. Dass an der Einfahrt stand, die Parkgebühr betrage 2,50 Euro die Stunde, maximal 20 Euro gesamt, konnte mich gerade nicht schocken. Ich war einfach froh, überhaupt einen Parkplatz gefunden zu haben. Auch wenn ich die 20 Euro später am Abend nur widerwillig an den Automaten verfüttert habe.

Die nächste Herausforderung ließ nicht lange auf sich warten. Welchen der vielen Ausgänge sollten wir nehmen?!

Ich, gar nicht schüchtern, quatsche mal eben ein Ehepaar an, die mir sodann bereitwillig die Kuchenform abnahmen und uns sogar zum Veranstaltungsort begleiteten.

Stuttgart empfängt uns warmherzig.

Der Raum, in dem wir feiern würden, gestaltete sich in einem Rechteck aus Tischen, wenig Platz für krabbelnde und spielende Kinder.  Doch die Kekse, die Emil auf dem Tisch am Eingang entdeckte, würden uns über den Tag retten, soviel war klar.

Nach der Begrüßung unserer lieben Vorsitzenden Gertrud Martin wurde ein Film über die Geschichte des Verbandes gezeigt.

Ein Film? Darauf freute sich Emil. Allerdings waren die Begeisterungsrufe nach 5 Minuten bereits abgeschwächt, und nach 10 Minuten steckte sein kleiner Kopf schon wieder in einem Tiptoi-Buch.

Nichts für Kinder. Wohl aber für uns Frauen.

Nun bin ich seit zwei Jahren im Vorstand des Verband Familienarbeit, der früher ‚Deutsche Hausfrauengewerkschaft‘ hieß und als solche am 9. Februar 1979 gegründet wurde. Aber was die Vorstandsfrauen der damaligen dhg geleistet haben, dafür habe ich einzig ein großes ‚Wow‘ auf den Lippen. Ich bin stolz, heute Vorstandsmitglied dieses Verbands mit Geschichte zu sein!

Der Film wird hier, sobald ich ihn habe, eingepflegt.

Nach der Vorstellung ging es in ein naheliegendes Restaurant zum Mittagessen. Mein Sohn hatte sich den Bauch bereits mit Keksen, belegten Brötchen und Brezeln vollgestopft, so dass nach zwei kleinen Stückchen Flammkuchen bereits sein Appetit gesättigt war. Finn schlief bereits wieder friedlich im Tragetuch, nachdem er den ganzen Vormittag recht unruhig gewesen war. Kein Wunder: So viele Menschen, fremde Umgebung. Vieles sieht er zum ersten Mal. Stress für so eine kleine Seele. Und wohl auch für die größere der beiden Seelen.

Und jetzt im Restaurant wieder sitzen? Es musste ein Alternativprogramm her.

Da ein bisschen frische Luft bekanntlich nicht schaden kann, hielt ich es für gut, den Großen noch ein bisschen auszupowern, denn der Nachmittag würde lang.

Und das war er tatsächlich. Eine Herausforderung und Zerreißprobe für alle Familienmitglieder.

Das Kanon-Singen, um das Mittagstief auszugleichen, hat den Kindern gefallen. Singen ist hier gerade sehr präsent in unserem Alltag.

Gegen 15 Uhr aber war Emil nicht mehr in der Lage sich selbst zu beschäftigen (was er bis dahin wunderbar tat) und Finn war nicht mehr gewillt, still auf meinem Schoß zu sitzen. Die Grenzen waren erreicht. Finn wurde mobiler, wollte krabbeln, sich hochziehen, erkunden.

Emil wollte endlich mal wieder ein bisschen Mama.

Ich schlug vor, dass wir vor dem Raum auf einer Sitzgelegenheit ein paar Pixi-Bücher lesen könnten. Dadurch verpasste ich zwar die Rückblicke von zwei Vorstandsfrauen, die mich sehr interessiert haben, doch war an Kooperation meiner Kinder in dem Moment nicht mehr zu denken.

Während ich Emil vorließ, zog sich Finn an meinem Sessel hoch, verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Fliesenboden. Mist. Ich hatte einen Moment nicht aufgepasst. Mein Baby schrie vor Schmerz und Schreck und mein Großer schrie, weil ich abrupt aufhörte vorzulesen.

Die Zerreißprobe, mit der ich schon den ganzen Tag konfrontiert war, erreichte ihren Höhepunkt. Ich war kurz davor, unsere Sachen zu packen und zu gehen, da kam ein Engel in Menschengestalt auf uns zu und fragte, ob sie uns helfen könne. Sie könnte mit Emil etwas spielen, wenn er das wollen würde.

Erleichtert schaute ich meine Retterin an und hoffte inständig, Emil würde sich darauf einlassen. Zunächst sah das nicht so aus, doch dann fand er schnell in ein gemeinsames Miteinander und ich konnte durchatmen. Von Drinnen hörte ich Emil erzählen und lachen und mir fiel ein Stein vom Herzen.

Finn war derzeit im Tragetuch glücklich und kuschelte sich schläfrig an mich.

Das Nachmittagsprogramm erforderte meine Anwesenheit, da es in Vorträgen unserer beiden stellvertretenden Vorsitzenden darum ging, ob der Verband in seiner jetzigen Form weiterhin existieren würde, oder ob er z.B. in einen Stiftungsverein umgewandelt wird. Diese Entscheidung wollte ich nicht ohne entsprechendes (Hintergrund-)Wissen treffen.

Ich hatte tatsächlich mal Zeit, dem Geschehen in Ruhe zu folgen. Und eine Entscheidung zu treffen, die ich von Herzen gerne traf:

FÜR den Verband Familienarbeit e.V.

FÜR die großartigen Dinge, die die Vorstandsfrauen seit 40 Jahren bewegt haben.

FÜR die Wertschätzung der Erziehungsarbeit.

FÜR eine Wahlfreiheit der Eltern, ob sie ihre Kinder selbstbetreuen wollen oder nicht.

GEGEN die fortschreitende Verarmung von Familien.

 

In der letzten Stunde fing Emil an zu überdrehen. Vorbei mit der Aufmerksamkeit und der Kooperation. Es wurde Zeit, aufzubrechen.

Wer nach dem, was er / sie heute von mir mitbekommen hat, noch sagt, Kindererziehung sei keine Arbeit, dem kann ich nur noch mit Kopfschütteln begegnen.