Eine ganz neue Welt eröffnete sich für mich mit der Möglichkeit, im Vorstand des Verband Familienarbeit e.V. aktiv mitwirken zu können. Seitdem ist vieles anders. Vorher eine von ihren Emotionen geleitete, spätgebärende Über-Mutter (das ist nicht mein Empfinden, aber offensichtlich das einiger Leser, die sich im Laufe der letzten Monate versehentlich auf meinen Blog verirrt hatten) und jetzt Vorstands-Mitglied in einem großartigen Verband, der seit nun fast 40 Jahren existiert. Was soll ich sagen?! 1979 war ein sensationelles Jahr. 😉

Mit der Aufnahme meiner neuen Tätigkeit lernte ich großartige Menschen kennen, mit denen ich jetzt eng zusammenarbeiten darf und die es mir ermöglichen Einblicke zu bekommen, die ich mir vorher mühsam im Internet zusammensuchen musste. Wenn überhaupt ich Kenntnis davon bekam. Mit unserer Bundesvorsitzenden Gertrud Martin habe ich bereits ein spannendes Interview geführt, das Du hier (Klick) nochmal nachlesen kannst.

Neu im Team ist neben mir auch Sabine Mänken, nun stellvertretende Bundesvorsitzende und Mitautorin des Buches „DIE VERKAUFTE MUTTER„. Im Übrigen ein Must-have im Selbstbetreuer-Bücherregal. 😀 Ich konnte sie für ein Interview gewinnen, das zugegebenermaßen für meine Blogverhältnisse sehr lang geworden ist, aber das sich lohnt bis zum Ende zu lesen! Also, fangen wir am besten gleich an. 😉

 

Liebe Frau Mänken, ich danke Ihnen sehr, dass Sie sich die Zeit nehmen, einige Fragen zu Ihrem Buch „Die verkaufte Mutter“ für uns zu beantworten. Ich freue mich, wenn Sie zunächst von sich selbst erzählen.

Ich selbst bin Mutter von drei Kindern. Zusammen mit den beiden anderen Müttern Bettina Hellebrand und Gabriele Abel habe ich DIE VERKAUFTE MUTTER im Mai 2015 im Quell Verlag veröffentlicht.

Das Buch beschäftigt sich mit den Motiven für individuelle Erziehungsarbeit, die Eltern in Beziehung zu den Bedürfnissen ihres Kindes selbst leisten – es macht sich also stark – jenseits der Verwissenschaftlichung von Bindung und Bildung – für die Einzigartigkeit von Erfahrungen.

Da ich als zertifizierte Biographieberaterin Menschen auf ihrem individuellen Entwicklungsweg begleite, liegt mir gerade die Frage nach den persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten des eigenen Lebens in Verbindung mit den eigenen Erfahrungen am Herzen.

Zugrunde liegt meiner beruflichen Entwicklung die Suche nach den tieferen Zusammenhängen in der Welt und so begann ich mit einem Studium in Volkswirtschaft und Politikwissenschaft. Die Antworten, für die ich als Diplomvolkswirtin gerade stehen sollte, waren allerdings sehr ernüchternd und so tauschte ich die graue Welt der Theorie gegen die lebendige Welt meiner Familie. Die Fragen blieben die selben – doch mein Blick wurde innerlicher und in der Beziehungs- und Erlebniswelt meiner Kinder und später meiner Klienten erkannte ich den Ansatzpunkt für meine Sinnsuche.

Heute sind meine drei Kinder erwachsen, der „Kleinste“ ist 18 Jahre alt, die Tochter gerade 21 Jahre geworden und mein ältester Sohn ist 26 Jahre und seit letztem Jahr stolzer Vater eines süßen Mädchens.

 

Wie sind Sie dazu gekommen, Ihre Kinder selbst zu betreuen? Bis zu welchem Alter haben Sie sie selbst betreut?

Ich war noch Studentin als mein erster Sohn geboren wurde. Die neue Doppelrolle war ein Abenteuer und selbstverständlich war ich in der Betreuung, um mein Studium abschließen zu können, auf Großeltern und Tagesmutter angewiesen.

Für die anstehende Promotion entschied ich mich dann für einen Kindergartenplatz mit Nachmittagsbetreuung. Noch war mein Frauenbild von dem Denken der modernen Frauenbewegung der 70iger Jahre geprägt, d.h. Emanzipation war gleichzusetzen mit einem erfolgreichen Beruf. Doch mein Sohn fühlte sich in der Einrichtung nicht wohl und litt offensichtlich an den vielen, sein Alter überfordernden Eindrücken und den täglichen Unachtsamkeiten der Erzieher.

Da ich den weiteren inneren Prozess, dem ich mich stellte, auch für andere junge Mütter wichtig finde, hier das entsprechende Zitat aus meinem Beitrag in unserem Buch:

 

Plötzlich tauchen Fragen in mir auf, die ich so nicht kannte. Wer nimmt mein Kind wirklich wahr? Wer

tröstet es? Wie kann ich sicher sein, dass der Raum, den es braucht, die Welt zu erkunden, ihm auch

gegeben wird? Komischerweise – oder im nachhinein interessanterweise – machte sich mein Mann keine

Gedanken… er hatte seinen Job — ich die Emotionen…

Meine Welt geriet ins Wanken! Nichts war mehr in Ordnung. Die Erleichterung, nicht kochen zu müssen,

wich dem Blick auf eine lieblos bereitete Dampfkost und ich fragte mich, ob diese wirklich die

Lebenskräfte zur Verfügung stellt, die ein kleiner Mensch für sein Wachstum braucht? Plötzlich fühlte ich

das fehlende Heim, den ungestörten Raum freier lustvoller Entfaltung, diese terminfreie Oase, die es

erlaubt, auch noch dem letzten Käfer im Gras nachzusehen und ohne die entsetzten Augen einer

Erzieherin mit Freude die Pfützen spritzen zu lassen…

Ich stand am „Point of no Return“. Glasklar erlebte ich alles, was ich nicht zur Verfügung stellen würde,

wenn ich weiter hetze, wenn die angehende Doktorin der Volkswirtschaft den kleinsten zu entwickelnden

Kosmos vergisst, den es JETZT zu schützen gilt! Dieses Kind war mein Kind und niemand konnte mir die

Verantwortung abnehmen, es die Freude, die Schaffenskraft, die Kreativität und Sinnlichkeit des Lebens

entdecken zu lassen…

Nichts lag mir ferner…

…und nichts war mir nun näher als das Familienmodell „Mutter zuhause“.

Als Paar waren wir – ohne Trauschein – immer noch avantgardistisch. Aber dass unsere kleine Familie eine Innenwelt und eine Außenwelt hat, die nach Gestaltung und Verantwortung verlangt, dass konnten wir nun beide fühlen. Und in keiner Entscheidung waren wir uns als Paar einiger, keine Entscheidung hat uns als Paar weiter voran gebracht als diese:

Papa geht morgens ins Büro.

Mama ist da.

 

Seit dieser Zeit war ich mit ganzem Herzen Mutter – auch wenn natürlich manche Entbehrungen an der eigenen Seele zehrten.

Je tiefer ich die Verantwortung erkannte, die darin lag, kleine Kinder ins Leben zu begleiten, desto mehr hörte ich den Ruf, mich dabei selbst meiner eigenen seelisch-geistigen Entwicklung zu stellen. Besonders in den Zeiten der Trennung vom Vater der Kinder war es mir ein Anliegen, den Verlust für die Kinder nicht noch durch eine eigene Berufstätigkeit zu vergrößern, auch wenn es deshalb finanziell sehr eng wurde. Stabilität und Nestwärme waren in dieser Krise meine allererste Aufgabe. Natürlich gibt es immer Freiräume für einzelne Projekte, Engagements und Ausbildungen, doch meiner jetzigen Berufstätigkeit als Biographieberaterin bin ich regelmäßig ganztags erst nachgegangen als der Kleinste zehn Jahre alt war.

Und ich kann sagen, wie froh ich bin, als Selbständige mir immer wieder die Zeit auch einteilen zu können: denn gerade pubertierende Kinder brauchen einen erwachsenen präsenten Menschen.

 

Wie ist dieses Thema – die Selbstbetreuung – für Sie zur Herzensangelegenheit geworden?

Ein wichtiger Grund war mein Anliegen, meinen Kindern die Entfaltung eines freien schöpferischen Willens zu ermöglichen. Kleine Kinder besitzen noch diese unerschütterliche Freude am Sein. Wie gesagt, meine Erfahrungen mit institutionalisierter Betreuung waren davon geprägt, dass die Kinder in einen Ablauf gepresst waren, der ihnen weder altersgemäß noch individuell noch ihrer Lebensfreude gerecht wurde. In der Begegnung mit der Waldorfpädagogik fand ich dann viele Antworten auf das, was ich intuitiv erfühlte. Und so lernte ich, meine beiden anderen Kinder in den ersten Lebensjahren die Welt in Freiheit ergreifen und begreifen und sie meine Grenzen als klaren liebevollen Schutz erfahren zu lassen. Mein persönlicher Berufsehrgeiz wich dem Verständnis dafür, dass diese kleinen Wesen eine vertrauensvolle Beziehung zu dieser Welt aufbauen möchten.

 

Wofür genau setzen Sie sich ein? Was ist Ihnen diesbezüglich wichtig?

Wir sind heute noch immer viel zu wenig bewusst, was es heißt, den Umraum für ein Kind zu gestalten und vor allem selbst Umraum für das Kind zu sein. In der Schwangerschaft halten wir diesen Raum noch ganz selbstverständlich, weil er naturgemäß sich körperlich mit dem Ungeborenen entwickelt. In der ersten Trennungskrise nach der Geburt fühlen wir meistens auch noch, wie wichtig die durchgängige Präsenz der Mutter ist. Warum aber lassen sich die jungen Frauen als erste Bezugsperson ihres Kindes auf dem weiteren Weg in ihrer Wahrnehmung so verunsichern?

In meiner Arbeit als Biographieberaterin erfahre ich seit Jahren von den Klienten, die auf ihr Leben zurück blicken, wie überfordernd es ist, als Kind zu früh oder zu oft allein gelassen worden zu sein. Das Vertrauen für spätere wichtige Entwicklungsschritte in der Biographie hängt entscheidend mit dem Urvertrauen ins Leben zusammen, das zum großen Teil durch eine sichere Bindung in den ersten Lebensjahren ermöglicht wird.

Deshalb möchte ich gerade junge Mütter ermutigen, ihren wirklich eigenen Weg mit ihrem Kind zu finden. Jedes Kind ist anders. Das Gleiche gilt für jede Beziehung zwischen Mutter und Kind. Für eine freiheitliche Gesellschaft ist es letztendlich absurd, ein uniformes Betreuungsmodell vorzugeben und einseitig finanziell zu unterstützen.

Auch in meiner Funktion als zweite Vorsitzende des Verbandes Familienarbeit setze ich mich dafür ein, dass die primäre Erziehungsverantwortlichkeit der Eltern, (Art.6,2,1 GG), die in der Regel am besten beurteilen können, was dem Wohl ihrer Kinder dient, wieder mehr in den Blickpunkt der familienpolitischen Diskussion rückt. Das Wächteramt des Staates berechtigt diesen nicht, die Eltern zu einer Krippenbetreuung zu drängen. Doch die einseitige Subventionierung von Krippenplätzen gegenüber der individuellen Erziehungsarbeit von Eltern hat den finanziellen Druck gerade in jungen Familien erhöht. Eine echte Wahlfreiheit gibt es nicht mehr.

 

Wie kam es, dass Sie zusammen mit zwei weiteren Müttern ein Buch geschrieben haben? Wie haben Sie zusammengefunden?

Eine Mutter, die in den ersten Jahren bei ihren Kindern „zu Hause“ blieb, war in den 90igern noch nichts Besonderes. Stillgruppen und Müttercafés sorgten für den sozialen Austausch. Und die Spielplätze waren auch vormittags noch belebt. Doch mit der Krippenoffensive ab 2008 schlich sich in die Frage „Bleibst Du wegen der Kinder zu Hause?“ ein ungläubiger Unterton ein. Frauen meiner Generation fanden sich zunehmend in einer „unmodernen Rolle“ wieder, während wir selbst uns verkauft vorkamen von einer Gesellschaft, der die Mütterlichkeit verloren ging. Dieser politische Paradigmenwechsel emanzipierte uns Frauen, indem er uns erklärte, die Institutionalisierung der Erziehung sei zum Wohle des Kindes und ohnehin zum Wohle der Mütter! Das war die Diskussion am Geburtstag einer dieser Frauen, auf dem wir beschlossen, das so nicht stehen zu lassen.

Gesagt – getan. Wir entwarfen  eine Webseite und den Flyer „Wird Familienarbeit zur Kulturtat?“ und vernetzten uns so mit weiteren Frauen, die ihre gelebte Familienarbeit sinnvoll fanden.

 

Worum geht es in dem Buch „Die verkaufte Mutter“? Können Sie es kurz umreißen?

Wie gesagt, das Buch beschäftigt sich mit den Motiven für individuelle Erziehungsarbeit, die Eltern in Beziehung zu den Bedürfnissen ihres Kindes selbst leisten.

Mit dem Flyer riefen wir Mütter dazu auf, ihre ganz persönlichen Erfahrungen zu schildern und ermutigten sie, das ganz Eigene in ihrer Entscheidung für das MutterSein sichtbar zu machen. Wir wollten Frauen eine Öffentlichkeit verleihen, die sich jenseits eines tradierten oder modernen Rollenverständnisses für eine Aufgabe entschieden haben, die sich aus ihrer persönlichen Erziehungsverantwortung erklärt. Und wollten damit einen Beitrag leisten zu einer modernen Frauenfrage, die die Errungenschaften des Feminismus nicht in Frage stellt, sich in ihren Antworten aber auch nicht von diesem beschränken lässt.

Deshalb liegt der Schwerpunkt unseres Buches auf der biographischen Erzählform. Wissenschaftliche Berichte zur Frauen- und Familienfrage gibt es ja genug, mehr oder weniger seriös und zielgruppengerecht. Wir aber wollten hinsehen und verstehen, ohne die Wunden und Brüche, die unser Leben oft mit sich bringt, zu ignorieren. Und wir wollten Raum geben, auch über die zarten Glücksmomente des MutterSeins zu schreiben. Es wurde ein bunter Strauß von 21 Geschichten, die deutlich machen, dass der konkrete Alltag von Mütter mit der Absurdität einer Gesellschaft umzugehen hat, die letztendlich Familienarbeit nur als Verzicht definiert.

 

Die persönlichen Geschichten der einzelnen Mütter sind bewegend und machen gleichzeitig Mut. Wir sind nicht alleine. Auch wenn es manchmal so scheint. Was ist die Kern-Message des Buches?

Unserem Buch haben wir den Artikel 6,4 GG vorangestellt:

„Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft“.

Doch jeder nur annähernde politische Versuch, diesem ein bisschen gerechter zu werden – siehe Betreuungsgeld – wird in der öffentlichen Diskussion als Rückschritt bezeichnet. Dabei  geht es  grundsätzlich gar nicht darum an die alten Rollenbilder anzuknüpfen. Je nach biographischem Hintergrund integrieren Frauen den Balanceakt zwischen beruflicher und familiärer Selbstverwirklichung ganz individuell. Dass an diesem Kunstwerk moderner Mutterschaft auch die Väter zunehmend teilhaben, unterstreicht nur die Vielfältigkeit der Gestaltungsmöglichkeiten.

Also: Die Mutterschaft hat sich inzwischen von ihrer rollenbezogenen funktionalistischen Aufgabe emanzipiert zu einer in Freiheit gewählten Arbeit, die Beziehung und Fürsorge ermöglicht. MutterSein wirkt Kultur schaffend. Das wollten und wollen wir weiterhin für die  jungen Mütter und in der Öffentlichkeit klar stellen. Dass aktuell damit ein bewusster Verzicht auf gesellschaftliche Gleichberechtigung einhergeht, ist ein absolut verkanntes Absurdum der gegenwärtigen Diskussion. Die wachsende Familien- und damit Kinderarmut wird uns bald eines Besseren belehren, wenn wir nicht die gesellschaftliche Spaltung riskieren wollen.

 

An wen richtet sich dieses Buch?

Unser Buch endet mit dem Satz:

„Möge es vor allem junge Frauen ermutigen und inspirieren, der eigenen Freiheit gewahr zu werden und sich für mehr Wahlmöglichkeiten einzusetzen.“

 

Wo kann man mehr von Ihnen erfahren? Wie kann man Sie und Ihre Arbeit unterstützen?

Dazu würde ich gerne auf die Webseite der Buchinitiative „kulturtat familie“ verweisen, auf der auch aktuelle Beiträge von uns Herausgeberinnen zu diesem Thema veröffentlicht werden.

…und mit Verlaub auch auf meine persönliche Webseite für Leser, die mehr über das biographische Arbeiten erfahren wollen.

Meine politische Arbeit stelle ich dem Verband Familienarbeit zur Verfügung, der als einziger Verband in Deutschland die Notwendigkeit eines Erziehungsgehaltes klar benennt und einfordert, indem er die intergenerativen Zusammenhänge anschaulich darstellt.

Diese politische Arbeit ist umso wirksamer,  je mehr Mitglieder wir haben!

Mit schon einem geringen Jahresbeitrag könnten Ihre Leser somit die Aufwertung der zuhause geleisteten Erziehungsarbeit unterstützen.

Vielen Dank!

 

Hier kannst Du das Buch erwerben. Zur Info: Dies ist ein Affiliate-Link. Das bedeutet, dass Du keinen Cent mehr bezahlst, aber ich durch die Empfehlung eine kleine Provision bekomme, die es mir ermöglicht, weiterhin meine Blog-Arbeit ausführen zu können. 😀