Wie selbstverständlich man doch so vieles nimmt. Dass ich hören, sprechen und sehen kann ist doch normal.

Oder nicht?

Als mich Lola, eine Leserin meines Blogs, anschrieb und mir von sich und ihrem Alltag erzählte, war ich sofort sehr angetan. Eine starke junge Frau, die genau weiß, was sie will: Zeit mit ihrem kleinen Sohn. Wo allerdings der Unterschied liegt zu anderen Mamis, das erfahrt ihr in unserem Interview.

Liebe Lola, gib uns doch zunächst mal ein paar Eckdaten zu Deiner Person und Deiner Familie 

Ich bin Lola, eine 20-jährige Psychologiestudentin und Mama eines vier Monate alten Sohnes.

Gemeinsam mit meinem Baby und meinem Freund wohne ich in der Stadt die es nicht gibt – Bielefeld – ja, wenn ich erzähle, aus welcher

Stadt ich komme, bekomme ich diesen Spruch meistens zu hören, deshalb durfte der an dieser Stelle auch nicht fehlen.

Ab Oktober beginne ich wieder mit dem Studium, weiß jedoch noch nicht, in welchem Umfang, da wir unseren Sohn nicht abgeben, sondern selbst betreuen möchten – eine Sache, die uns sehr am Herzen liegt.

Die Tatsache, dass ich früh Mutter geworden bin, mag für einige Menschen zwar seltsam sein, doch spannend wird es erst, wenn sie feststellen, dass ich blind bin – unvorstellbar.

Mein Freund ist vollsehend, weshalb viele denken, dass nur er sich um unseren Sohn kümmern kann – später mehr dazu.

Sonst würde ich sagen, dass wir eine ganz gewöhnliche Familie sind.
Mein Freund und ich machen sehr viel Musik, auch schon mit dem Kleinen. Wir kochen, verreisen, eben all die Dinge, die uns gefallen.

Und die meisten Dinge kann ich als „Blinde“ auch machen. Okay, Autofahren fällt weg, damit muss ich mich wohl oder übel abfinden. Zum Glück gibt es Bus und Bahn.

Du hast vor kurzem einen eigenen Blog gestartet. Welche Thematik behandelt er und wie kam es dazu?

Die Idee, einen Blog „Blindes Vertrauen“ zu starten, hatte ich immer wieder in den letzten Jahren. Warum ich ihn erst jetzt angefangen habe? Eine genaue Antwort darauf kann ich nicht geben. In den letzten Monaten hatte ich so viele Erlebnisse, die mich berührt haben, sowohl negative als auch positive, die mich zum Nachdenken gebracht haben.

Die Entscheidung, meinen eigenen Blog anzufangen, kam mir, als wir im Zug saßen.

Mein Freund wurde gefragt, wie ich das denn alles mit dem Baby machen würde.

Warum wurde ich nicht selbst angesprochen?

Leider gibt es solche Momente immer wieder, und da hat es mir gereicht.

Ich habe jetzt die Möglichkeit, von mir, von uns zu erzählen und zu zeigen, wie es funktionieren kann, in einer Familie, in welcher die Mutter nicht sehend ist.

Wie lauten die häufigsten Fragen, die dir in Bezug auf Blindheit und Betreuung gestellt werden? Kannst du auf einzelne Punkte näher eingehen?

Kannst du mit dem Baby alleine zu Hause bleiben?

Diese Frage schließt so viele andere Fragen mit ein.

-Wickeln
-Stillen
-Spielen usw.

Selbstverständlich bin ich dazu in der Lage, mich um meinen Sohn kümmern zu können, auch, wenn mein Freund nicht zu Hause ist.

In unserer Wohnung kenne ich mich aus und weiß, wo alles ist.

Wickeln, auch wenn wir nicht zu Hause sind, bereitet mir keine Probleme. Am Geruch kann ich feststellen, ob es eine kleine oder große Überraschung ist.

Vielleicht mache ich noch etwas mehr sauber, als nötig, aber da wir nur Wasser und Waschlappen benutzen, gibt es da auch keine Probleme – meinen Sohn stört es auch nicht.

Und ja, meine Finger bleiben nicht immer sauber, aber das ist okay.

Ich denke, dass man nicht zwangsläufig sehen können muss, um zu wissen, was das Kind braucht/möchte.

Ja, man macht einiges anders, entwickelt neue Techniken, aber uns allen ist doch klar, dass es nicht nur eine Möglichkeit gibt.

Ich bin sehr gespannt, wie sich alles verändert, wenn er älter ist, und neue Aufgaben auf mich zukommen.

Hast du Unterstützung im Alltag oder schaffst Du alles alleine?

Unterstützung habe ich von meinem Freund, schließlich ist er der Papa und möchte auch Zeit mit uns verbringen. Trotzdem glaube ich nicht, dass es groß anders ist, als in anderen Familien.

Familie und Freunde sind auch immer da, wenn wir sie brauchen. Zum Glück ist alles bisher jedoch sehr entspannt.

Wie reagieren Menschen auf Dich? Sind sie unbeholfen? Gehen sie dir aus dem Weg oder eher aktiv hilfsbereit? Und welchen Umgang wünschst du dir von Menschen, die dir begegnen?

Da gibt es auch wieder alle Arten von Reaktionen. Viele wissen anfangs nicht, wie sie mit mir umgehen sollen. Oft ist es so, dass ich laut angesprochen werde, oder wenn ich in Begleitung von jemandem bin, diese angesprochen wird, wenn es um mich geht – sie verstehen nicht, dass ich Ohren und einen Mund habe, und beide intakt sind.

Ich würde mir wünschen, respektvoll behandelt zu werden. Oft wird man einfach angefasst und in eine Richtung mitgenommen – da muss man erstmal deutlich machen, dass man das nicht möchte.

Ich bin ein Mensch wie alle anderen. Mit mir kann man reden. Es wäre schön, wenn die Leute all ihre Fragen stellen würden, als sich ihren eigenen Teil zu denken, oder Angst zu haben, Fragen zu stellen – das bringt uns nicht weiter.

Was ist Dein Plan für den Blog, worauf dürfen wir uns freuen?

Es gibt so viele Themen, die ich aufgreifen möchte – im Fokus stehen natürlich der Alltag mit Baby, meine Schwangerschaft/Geburt und auch die Verarbeitung des Kaiserschnittes, und all das, was uns Eltern so beschäftigt.

Gerne möchte ich aufkommende Fragen beantworten, so gut, wie es mir möglich ist.

Von meinem Blog erhoffe ich mir, anderen Eltern und Menschen, die in einer ähnlichen Situation  sind, Mut zu machen, und evtl. Lösungen aufzeigen zu können.

Auch als behinderter Mensch kann man Kinder haben.

 

Mehr über Lola könnt ihr auf ihrem Blog „Blindes Vertrauen“ lesen.