Nun, eigentlich bin ich gar nicht schüchtern. Ich bin nur schon an jemanden gebunden. Deswegen ist es mir nicht wichtig, mich nach jemand anderem umzusehen, an den ich mich binden kann.

Ich reagiere heftig auf andere Menschen und warum das so ist, erkläre ich euch heute:

Die Leute, die mir begegnen, wenn ich mit Mama unterwegs bin, gucken alle erstaunt, wenn ich direkt mein Gesicht verziehe, „Mama, Mama“ rufe und die Arme nach ihr ausstrecke. Ich bin sehr froh, dass sie mich immer schützend auf den Arm nimmt und nicht von mir verlangt, die Leute anzuschauen oder sie sogar anzulächeln. Sie lässt mich so sein, wie ich bin. Auch entschuldigt sie sich nicht für mein Verhalten oder sagt „lass das“, denn das würde es nur noch schlimmer machen.

In unserem Bekanntenkreis gibt es eine Frau, die ich gar nicht mag. Ihr zu begegnen ist für mich immer mit Stress verbunden. Ich will sie nicht mal sehen, wenn ich auf Mamas Arm bin. Ich quengle dann so lange, bis wir endlich gehen.

Manche Menschen, beispielsweise diese Frau, sind mir dann böse. Kürzlich ist sie daraufhin sogar beleidigt abgedampft.

Meine Mama aber ist deswegen niemals sauer auf mich.

Neulich sagte sie zu mir: „So wie Du bist, ist es genau richtig.“

Das hilft mir zu verstehen, dass ich mit all meinen konträren Gefühlen wahrgenommen und angenommen werde, und dass diese Gefühle da sein dürfen.

Jedes einzelne.

Zu jeder Zeit.

Na gut, JA, ich bin schüchtern.

Und JA, das ist in Ordnung!

Auch wenn die extrovertierten Kinder bei den Erwachsenen besser ankommen. Verstehe ich ja auch irgendwie.

Die Tage war Jonas da, ein Freund von mir. Wir waren draußen spielen mit unseren Mamas und von Weitem sah ich schon eine Nachbarin kommen. Ich suchte direkt meine Mama und wollte auf den Arm. Aber Jonas war ganz anders: Er lief zu der Frau hin und lächelte sie an.

Natürlich ist mir nicht entgangen, dass sein Verhalten bei der Frau viel besser ankam als meines.

Doch Mama erklärte mir dann, dass das Fremdeln ganz natürlich ist, und dass es dafür da ist, uns Kinder zu Hause zu halten, denn da geht es uns am besten.

Ich erinnere mich noch: Als ich knapp 6 Monate alt war, fing das bei mir an. Da hat mein Bindungsgehirn erkannt, dass die Bindung, die ich an meine Mama habe, halten wird.

Das war ein tolles Gefühl. Ich wusste, auf DIE kann ich mich verlassen. Die ist da, wenn ich weine, wenn ich traurig bin, wenn ich Hunger oder Durst habe oder ein Zähnchen durchbricht.

Mama hat nun damit begonnen, mich an eine weitere Bindungsperson zu „vermitteln“: Meine Oma. Wir sind jetzt öfter mal bei ihr.

Dann geht Mama ein paar Minuten raus, kommt wieder, geht nochmal etwas länger raus, kommt aber immer wieder.

Inzwischen bin ich richtig gerne bei Oma. Und wir können auch schon zusammen auf den Spielplatz gehen, ohne, dass ich weinen muss. Das ging aber auch nicht immer. Erst, als ich gesehen habe, dass Mama und Oma sich gut verstehen und miteinander lachen, konnte ich anfangen, ihr zu vertrauen.

Ich habe gehört, manche Kinder gehen in eine Krippe. Das ist ein Ort, an dem noch viele andere Kinder sind. Mamas sind dort aber nicht. Da nennen sie die erste Zeit „Eingewöhnung“. Das läuft genauso ab wie damals bei Oma.

Wichtig ist vor allem, dass ihr eure Kinder keinem Stress aussetzt. Das heißt, sie ohne aktive Bindung irgendwo zurücklasst. Egal, wo. Und was gar nicht geht sind Ermahnungen à la „Sei nicht so unhöflich, das ist doch die Frau Mayer von nebenan!“

Mir fällt übrigens auch immer wieder auf, dass wir Kleinkinder mit Erwachsenen „verwechselt“ werden. Dabei sind wir ganz anders als ihr:

  • Wir können noch nicht wissen, dass ihr wieder zurückkommt, wenn ihr geht, auch wenn ihr das sagt
  • Wir sind impulsiv und wir können unsere Gefühle nicht steuern
  • Wenn wir sauer sind, schreien wir, werfen uns auf den Boden und treten um uns – das ist übrigens gut, dass ihr das nicht mehr tut 😉
  • Wir haben Angst vor dem Alleinsein, vor der Dunkelheit… vor einfach allem
  • Wir leben im Hier und Jetzt. Was in ein paar Minuten ist, wissen wir nicht und es ist uns auch egal
  • Wir können nicht flüstern
  • Wir reden immer dazwischen
  • Wir können keine Wahl treffen
  • Wir können nur ein Gefühl zur Zeit erleben
  • Taktgefühl kennen wir nicht
  • Wir sind Egoisten. Die Welt dreht sich um uns
  • Wir brauchen Nähe, Kontakt, Sicherheit und Geborgenheit
  • Wir ertragen Trennung nicht
  • Wir sind sehr verletzlich

Und zum Schluss möchte ich etwas philosophisch werden und euch zum Nachdenken anregen:

Bitte verändert uns nicht, so dass wir in eure Erwachsenenwelt passen. Wäre es denn auch denkbar, EUCH anzupassen, damit ihr Kleinkinder-freundlicher werdet??

Euer Emil