Vor mir liegt das Buch „Kinder brauchen Mütter“ von Hanne K. Götze.

Gleich zu Beginn des Buches bleibt einem der Atem weg: Die Autorin schildert aus eigener Erfahrung heraus ihre persönliche Kinderkrippen-Zeit. Dargestellt in elf Erinnerungs-Sequenzen zählt sie ihre Erlebnisse auf. Dass ein Mensch an diese Zeit überhaupt Erinnerungen hat, ist selten. Dass sie sich erinnert, spricht dafür, dass sie traumatisiert ist.

[…]„Da sind wir auch schon an der Eingangstür. Ein Summer ertönt. Die Tür geht auf und gibt den Blick auf eine weiße Schütze frei. Ich klammere mich an meiner Mutti fest und schreie…, bestehe nur noch aus panischer Angst! Ein fester Griff umfängt mich. Die Tür geht zu. Die Mutti ist fort! … Warum? Warum gibt sie mich hier ab und geht fort? Ohne mich?“[…]

Ich habe einen Kloß im Hals. Gleichzeitig steigen mir die Tränen in die Augen. Ich kann es nicht kontrollieren. Wie furchtbar das ist. Ich fühle mit ihr und mit allen kleinen Wesen, denen es tagtäglich genauso geht. Sicherlich läuft die „Abgabe“ heutzutage sanfter ab, doch unterm Strich bleibt es das gleiche Gefühl, das ein Kind in dem jungen Alter erleben muss. Heute wie vor dreißig Jahren.

Die elfte Erinnerung der Autorin beschreibt ein Szenario, das zuhause stattfindet. Das Kind ist krank, liegt mit hohem Fieber und starkem Husten im Bett:

[…] „Mir tut alles weh. Aber ich bin unendlich glücklich, denn ich bin krank und kann nicht gehen. Nirgends hin! Vor allem nicht in die Krippe! Die Mutti ist da! Sie bringt Tee, macht Wadenwickel und streichelt mich. Alles ist gut!“

Ich spüre die Erleichterung, die in diesen Zeilen liegt. Es fühlt sich so an, als sei ich die Mutter, die sich um das kleine Geschöpf kümmert. Ich möchte sie in den Arm nehmen, ihr sagen, dass ich endlich verstehe und dass ich alles in meiner Macht mögliche tun werde, damit sie nie nie nie wieder in die Kinderkrippe gehen muss.

In den drei Jahren, die ich meinen Blog ‚Berufung Mami‘ jetzt schon betreibe, hatte ich viel Kontakt zu Müttern, die meinen Rat suchten. Einige der zugehörigen Kinder hatten Probleme mit ständigem Unwohlsein oder waren oft krank, genau, wie es die Autorin beschreibt.

‚Endlich darf ich bei Mama sein. Und wenn das bedeutet, dass es mir körperlich schlecht geht… Zumindest meine Seele wird nicht weiter strapaziert‘, so könnte das Mädchen fühlen.

Wie verzweifelt diese Kinder sein müssen…

Man möchte meinen, dass die „Verwahrungsstelle Kinderkrippe“ in der ehemaligen DDR ein kollektives Trauma nach sich zog. Stell Dir vor, es ging den meisten Kindern so. Und doch höre ich immer wieder Stimmen, die sagen:  „Wenn die Kinderkrippe wirklich Folgen hätte für den Menschen, dann wären alle ehemaligen DDR-Bürger (psychisch und / oder physisch) krank.“

Das hat mich interessiert, was ist da dran?

So kontaktierte ich den Hallenser Psychiater und Psychoanalytiker Dr. Hans-Joachim Maaz, der selbst in der ehemaligen DDR großgeworden ist und auch heute noch dort lebt.

Seine Antwort:

„Es kommen mehrere Faktoren ins Spiel:

  • Wie ist die Qualität der grundsätzlichen Einstellung der Mutter zu ihrem Kind, so etwas was als „Urbindung“ verstanden werden kann. Je echter, umso mehr Stress kann ein Kind verkraften.
  • Wie ist die Qualität der Kinderkrippe? Gibt es eine empathische und zuverlässig anwesende Bezugsperson? Wie sind deren Beziehungsangebote?
  • Wie ist der Personalschlüssel der Krippe und der „Geist“ der Einrichtung?
  • Wie viele Stunden wird das Kind fremdbetreut?
  • Ab welchem Alter wird das Kind fremdbetreut?
  • Wie wird das Kind nach der Krippenbetreuung zu Hause empfangen und wie wird es verstanden und kann Stress verarbeiten?

Jeder “Fall“ ist also anders gelagert. Aber es stimmt schon, dass frühe Fremdbetreuung ein großer Stressfaktor ist und als Krankheitsursache eine wesentliche Rolle spielt, ebenso für Entwicklungsstörungen. Einen solchen Zusammenhang haben wir jedenfalls häufig bei Krippenkindern in der DDR gefunden, bis zu den Folgen heute.“

Diese Faktoren spielten selbstverständlich nicht nur in der ehemaligen DDR eine Rolle, sondern können genauso auf die heutige Zeit angewendet werden. Nicht jedes Kind hat gleich einen bleibenden Schaden, wenn es in einer Kinderkrippe untergebracht wird. Nach außen, und nachdem einige Zeit vergangen ist, wirken viele Kinder sogar zufrieden.

Der Schein mag jedoch trügen, wie eine Studie der Universität Cambridge im Jahr 2005 ergab.

„Eine wichtige Erkenntnis dieser Studie bestehe darin, „dass man nach fünf Monaten das Gefühl hatte, die Kinder hätten sich gut eingelebt, weil sie äußerlich keine Anzeichen von Stress erkennen ließen. Aber die Cortisolwerte zeigten, dass sie innerlich verängstigt waren und sich nicht wohl fühlten. Es ist eine einhellige Beobachtung, die alle Cortisol-Studien teilen, dass Kinder nach einiger Zeit den Eindruck machen, sie kämen mit dem Stress zurecht, einfach weil sie gelernt haben, ihre innere Aufgeregtheit zu verbergen“, so der Familienpsychologe Steve Biddulph. (Quelle: Vater, Mutter, Staat von Rainer Stadler)

Kinder reagieren ja per se völlig unterschiedlich. Die einen weinen, die nächsten schreien, wieder andere finden schnell heraus, dass sie als kleiner Sonnenschein viel mehr Zuwendung bekommen als die anderen Kinder. Besonders die, die sich unsichtbar machen, oder die nur stumpf in der Ecke sitzen und Autos vor sich von links nach rechts schieben. Gerade diese Kinder brauchen im Übrigen besondere Aufmerksamkeit, denn sie leiden still.

Hanne K. Götze zeigt in ihrem Buch auf, was die vielen Krippenkinder, die derzeit in einer Einrichtung untergebracht sind, nicht zu zeigen in der Lage sind. Das durch ihr Buch bewusst zu machen, und sich ihren eigenen Ängsten und Traumata zu stellen, um Eltern der heutigen Zeit aufzuklären, dafür gebührt ihr großer Dank!

 

Buchempfehlungen (Affiliate-Links):

Kinder brauchen Mütter“ von Hanne K. Götze

Vater, Mutter, Staat“ von Rainer Stadler