Ich werde immer wieder mit dem Argument konfrontiert, dass auf jede von mir zitierte Studie eine Gegenstudie existiert. Mag sein. Warum dies aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass eine frühe außerhäusliche Betreuung unbedenklich ist, kannst Du in dem Artikel „Wie glaubwürdig sind wissenschaftliche Studien wirklich?“ nachlesen, ein Interview mit dem Arzt Dr. Johannes Resch.

Nach und nach werde ich die bekanntesten Studien aufzählen, die es auf dem Gebiet der frühen Betreuungssituation gibt. Bewusst nur die, die ich für authentisch halte, weil sie unabhängig sind, und der Auftraggeber nicht beispielsweise wirtschaftliche Vorteile im Fokus hält. Interessanterweise kommen all diese Studien zum selben Ergebnis: Frühe Fremdbetreuung sollte vermieden werden.

Den Anfang meiner Studien-Serie macht die NICHD-Studie. NICHD steht für ‚National Institute of Child Health and Human Development‘, auf Deutsch ‚Nationales Institut für Kindergesundheit und die menschliche Entwicklung‘. Dieses Institut hat die bislang weltweit größte und sorgfältigste Langzeitstudie zur außerfamiliären Betreuung von Kleinkindern durchgeführt. Sie lief von 1991 bis 2007 und wurde mit 200 Mio. Dollar finanziert. Entwicklungspsychologen in den USA nahmen diese Großstudie in Angriff.

Die Forscher wählten Familien (mehr als 1.300 Neugeborene) in zehn verschiedenen Städten der USA aus, die gerade Nachwuchs bekommen hatten, und begleiteten sie über all die Jahre. Diese Eltern wurden wiederholt zu deren Verhalten und dem gemeinsamen Leben befragt.

In der Untersuchung

„wurde größter Wert darauf gelegt, auch die bereits benannten Rahmenbedingungen exakt zu erfassen, z.B. Bildungsniveau, Familienstand und sozioökonomischen Status der Eltern, Eltern-Kind-Interaktion, Art und Umfang von Betreuungsarrangements sowie Struktur- und Prozessqualität der Betreuungseinrichtungen. Diese sogenannte „multivariate Analyse“ ist wissenschaftlich unumgänglich, wenn man einen „Netto-Effekt“ feststellen will, also die Auswirkungen, die allein auf den Faktor „frühe außerfamiliäre Betreuung“ zurückzuführen sind“,

so Dr. Böhm in seinem Artikel „Stress, das unterschätzte Problem frühkindlicher Betreuung“.

Besonders besorgniserregend sei der Effekt der frühen Fremdbetreuung auf die soziale Entwicklung, so Dr. Rainer Böhm in seinem Vortrag bei der Stiftung Beziehungskultur im November 2017 in Halle. Die Kinder haben mehr externalisierendes Problemverhalten, mehr Konflikte, mehr negative Interaktionen mit Gleichaltrigen.

Die Studie zeigte des Weiteren Verhaltensweisen auf, die bei ehemaligen Krippenkindern im Vorschulalter signifikant häufiger auftraten:

Angeberei, Streitsucht, Eifersucht, spielen gerne den Clown, reden ständig, hänseln und ärgern einander, sind ungeduldig, schreien viel, sind trotzig und frech. Sie reden dazwischen, sind ungehorsam, aufsässig, stören andere. Sie sind häufiger in Schlägereien verwickelt, sind gemein und grausam, greifen körperlich an, haben Wutanfälle, zerstören eigene Sachen.

Um nur ein paar Aspekte zu nennen. 😉

Die Hauptaussagen, die nach all den Jahren der Beobachtung und Begleitung der Familien getroffen werden konnten, lauten:

  • Mit Abstand am wichtigsten für die Entwicklung des Kindes sind seine Eltern
  • Eltern müssen in ihren familiären Erziehungsmöglichkeiten unterstützt werden
  • Die Qualität von außerfamiliärer Kinderbetreuung muss deutlich erhöht werden
  • Die Gesamtzeit, die Kleinkinder in außerfamiliärer Betreuung verbringen, sollte möglichst kurz gehalten werden

Im Laufe der Untersuchungs-Jahre kristallisierte sich die Bedeutung des Cortisols in der frühen Betreuung heraus. Cortisol ist das wichtigste Stresshormon im Körper eines Menschen, das gemessen werden kann. Cortisolmessungen gehörten nicht zum ursprünglichen Kernkonzept der NICHD-Studie, sondern sie wurden zusätzlich durchgeführt, als die Teilnehmer der Studie 15 Jahre alt waren.

Man kann zwischen akuten und langfristigen Stresseffekten auf den Cortisolspiegel unterscheiden. Akutveränderung ist der Anstieg des Cortisol im Tagesverlauf. Langzeitveränderung ist das allmähliche Absinken des morgendlichen Spitzenwerts. Bei den 15-jährigen hat man natürlich nur noch den Langzeiteffekt untersucht, also den Morgenwert. Der lag bei den ehemaligen Krippenkindern und bei den emotional vernachlässigten tiefer als bei den anderen. (Quelle 1) 

Der Cortisol-Wert von 15-jährigen ohne Krippenerfahrung wich deutlich ab vom Wert der Kinder, die schon früh und umfangreich in Krippen betreut wurden. Die Cortisol-Werte der außerfamiliär betreuten Kinder glichen Werten von Kindern, „die in der Familie emotional vernachlässigt oder misshandelt worden waren“, so Böhm.

Übrigens wurden die gleichen Werte bei Kindern gemessen, die in einer qualitativ sehr guten Betreuung untergebracht waren.

 

Quellen:

1) Roisman, Glenn I. / Susman, Elizabeth / Barnett-Walker, Kortnee u. a.: Early Family and Child-Care Antecedents of Awakening Cortisol Levels in Adolescence, in: Child Development 80/2009, S. 907-920.

Vortrag Dr. Rainer Böhm bei der Stiftung Beziehungskultur

Vater, Mutter, Staat“ von Rainer Stadler

Flyer „Kinderbetreuung bei unter Dreijährigen – was ist zu beachten?“ vom Sozialpädiatrischen Zentrum in Bielefeld-Bethel

Artikel: „Stress, das unterschätzte Problem frühkindlicher Betreuung“