„Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Dies ist mein letzter Versuch. Ich habe bereits mit dem Jugendamt gesprochen. Wenn das hier nicht funktioniert, gebe ich mein Kind ins Heim.“

Ich sitze starr vor dem Bildschirm und merke, wie ich aufgehört habe zu atmen. Das Blut ist aus meinem Gesicht gewichen, meine Hände zittern ein bisschen.

Schockstarre.

Es ist Minute 6 des Films „Elternschule“, der gesamt 91 Minuten Spielzeit hat.

1 ½ Stunden.

Jeder Horrorfilm ist harmlos dagegen.

Von vielen meiner Leser habe ich in den letzten Tagen Mails bekommen, ob ich den Film gesehen habe.

Nein, bisher nicht. Ich dachte, ich sei zu zart besaitet um das ertragen zu können. Viele schrieben mir, sie mussten abbrechen, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben.

Ich habe den Film zu Ende gesehen. Wenn man mitreden will, braucht man ALLE Informationen, nicht nur einen Teil. Ich wünschte, ich hätte es nicht getan.

1 ½ Stunden zusehen, wie diese armen Seelen behandelt werden. „Therapie“ nennen sie es.

In einem komplett mit blauen Matten ausgelegten Raum sitzen drei Pflegerinnen und fünf Kinder still auf dem Boden. Sie reden nicht. Die Pflegerinnen starren vor sich hin. Ab und zu schauen sie eines der Kinder an, aber nur, wenn sich dieses bewegt. Das ist offensichtlich nicht toleriert und die Pflegerinnen unterbinden dies prompt. In diesen Momenten werden die Kinder angesehen, aber nur kurz und mit toternstem Gesicht. Kurz darauf starren sie wieder vor sich hin. Die Eltern der Kinder sieht man in diesem Raum nicht.

Mein Blogthema hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen: Trennung.

Verglichen wird die Trennung von den Eltern / der Mutter mit krabbeln lernen, laufen lernen etc., da die Kinder so ja auch aktiv eine Trennung herstellen. Dass Kinder sich aber immer der Bindung zu ihrer Hauptbezugsperson vergewissern müssen, das kommt nicht zur Sprache. Wenn ein Kind krabbeln lernt, ist ja meist die Hauptbezugsperson dabei.

Wenn ein Kind in einer Ecke des Raumes vor sich hin spielt, sucht es immer wieder den Blickkontakt zur Bindungsperson, um sicher zu gehen, dass diese noch da ist. Nur in diesem Zustand der aktiven Bindung lernen Kinder!

In diesem Beispiel des Films wird den Eltern angeraten, ihr Kind im Gruppenraum „Mäuseburg“ abzugeben, ihm zu sagen, dass sie jetzt frühstücken gehen, dass sie es lieb haben und später wiederkommen. Dann sollen sie sich umdrehen und gehen. Keine Eingewöhnung, kein weiterer Blickkontakt, Ignoranz des kindlichen Verhaltens, das nun folgt:

Ein Junge sitzt unter dem Waschbecken und weint bitterlich. Er schreit in einer Dauerschleife: „Mama, Mama, Mama“. Dann legt er sich auf den Bauch auf den Boden und hält seine Hände vors Gesicht. Ein paar Meter weiter liegt ein Mädchen, fast regungslos auf dem Boden. In der anderen Ecke, an den Schrank gelehnt, sitzt eine Erzieherin, die monoton und lustlos ein paar kleine Kreisel dreht. Wohl in der Hoffnung, dass die Kinder daran interessiert sind und sich dadurch ablenken lassen. Man sieht nur die beiden Kinder in dem Filmausschnitt, doch man hört, dass noch viel mehr Kinder nach ihrer Mama weinen und schreien.

Als ich den Blog 2015 startete, war dies einer meiner ersten Artikel: „Was Trennung bei Deinem Kind auslöst“. Offensichtlich ist das Thema aktueller denn je.

Geraten wird, dass, wenn das Kind abgegeben wird, die Trennung gleich eine halbe Stunde mindestens betragen soll. Warum? Weil das Kind dann die Chance hat, durch Zeit, seinen Stresspegel zu regulieren, die physiologische Reaktion runterzufahren. Es lerne: „Ist doch gar nicht so gefährlich“.

Oder aber es resigniert.

Meine Theorie.

Welche Wahl hat es auch?!

Im nächsten Moment sieht man zwei Mütter eingeblendet: „Mensch, wir müssen unsere Kinder abholen“.

„Ach ja, ich vergaß“, erwidert die andere.

Die Mutter des Jungen, der herzzerreißend weinte, möchte bei Abholung die Hand ihres Kindes nehmen, doch er wehrt diese ab.

Szenenwechsel.

Thema Schlafzeiten und nächtliche Wachphasen.

Ein kleiner Junge wird in einem Gitterbett in ein Zimmer geschoben. Er soll dort alleine schlafen. Als sich die Eltern von ihrem Sohn verabschieden weint dieser bitterlich und fleht darum, dass man ihn nicht alleine lässt. Doch die Eltern gehen, auch wenn es ihnen offensichtlich sehr schwer fällt. Der Vater schaltet das Licht aus. Es ist stockdunkel in dem Zimmer. Das Kind schreit. Weinend läuft die Mutter den Gang entlang und entfernt sich so immer weiter von ihrem Kind.

Mein Herz blutet.

Ich höre mich laut zu der Mutter sagen: „Bitte geh nicht weg. Bleib bei ihm. Höre sein Weinen.“

„Jetzt weiß ich, dass diese kleinen Würmchen schon strategisch schreien können“, höre ich eine Mutter zur anderen sagen.

Bei solchen Aussagen platzt mir ehrlich gesagt immer die Hutschnur. Ich bin selbst ein Schreibaby gewesen. Meine Mutter hat mich an einem Punkt, an dem sie nicht mehr konnte einfach schreien lassen, weil es ihr so geraten wurde. Von dem Zeitpunkt an habe ich nicht mehr geschrien. Klar, habe ich doch gelernt: Es kommt sowieso keiner. Nicht mal meine eigene Mutter.

Mittlerweile bin ich in der Hälfte des Filmes angekommen. Ich kann es kaum noch aushalten. Die Tränen laufen mir übers Gesicht, ich muss stoppen und eine Pause einlegen. Einzig tief durchatmen reicht da nicht. Ich gehe ins Schlafzimmer, wo unser jüngster Sohn gerade friedlich seinen Mittagsschlaf hält. Ich schaue in dieses kleine Gesichtchen und noch mehr fühle ich mit den armen Seelen, die in dieser Klinik „therapiert“ wurden, deren Willen und deren Bedürfnisse dort gebrochen wurden.

Einem kleinen Jungen soll eine Magensonde gelegt werden, da er untergewichtig ist und das Essen verweigert. Man versucht, ihn mit Gewalt zum Essen zu bewegen, indem man ihn festhält und ihm die Flasche in den Hals steckt, obwohl er sich vehement wehrt.

Bei der Untersuchung fragt der Arzt die Mutter des Jungen: „Wie soll es nun weitergehen? Bleiben Sie uns erhalten?“

Ich muss schlucken.

Wie das klingt.

Die Mutter nickt kaum merklich. Sagen tut sie nichts.

Dem Jungen wird eine Magensonde gelegt. Die Pflegerin berichtet, es war nicht möglich, das Kind alleine zu sondieren. Eine weitere Pflegerin musste ihn festhalten, und die andere über die Sonde füttern.

Anschließend sieht man ihn mit seiner Magensonde im Gesicht, wie er in die sogenannte „Mäuseburg“ gebracht wird, ein Raum, in dem die Kinder ohne ihre Eltern betreut werden. Vor der Tür bleibt er stehen und wehrt sich, hineinzugehen. Man schiebt ihn vorwärts. Im Gruppenraum weint er und läuft wie apathisch um einen Tisch im Kreis herum. Immer und immer wieder. Wie ein Tier, das in einem Käfig gefangen gehalten wird.

Wenn man so in seiner Bindungs- und Bedürfnisorientiert-Bubble lebt, kann man leicht den Glauben haben, dass alle Eltern sich dem Kind zugewandt verhalten, ihm auf Augenhöhe und respektvoll begegnen, es ernst nehmen in seinem Handeln und seinem Verhalten. Darüber nachdenken, welches Bedürfnis hinter dem Bedürfnis steckt, das sich in dem Augenblick zeigt.

Und dann siehst Du so einen Film und erfährst, dass dieser nun sogar vom deutschen Fernsehen nominiert wurde als bester Dokumentarfilm.

Umso wichtiger ist unsere Arbeit. Die Arbeit derer, die Eltern in Beratungen Hilfestellungen geben, wie sie ihren Kindern respektvoll begegnen und es dennoch zur Kooperation bewegen können.

Ohne seinen Willen zu brechen.

In meinem Vortrag „Hilfe, mein Kind gehorcht nicht“, zu dem Du dauerhaften Zugang bekommst, wenn Du auf den Titel-Link klickst, gebe ich viele Impulse und praktische Tipps, die Du sofort umsetzen kannst, damit eure Beziehung bald wieder schön ist und Dein Kind mit Dir kooperiert, weil es das möchte und nicht, weil Du vorher seinen Willen gebrochen hast.

Solltest Du Dir Hilfe wünschen und jemanden, der auf eure familiäre Situation schaut, dann kannst Du Dich gerne an mich wenden.

Immerhin sieht man am Ende tatsächlich ein paar lächelnde Kinder. Vermutlich, weil sie endlich aus der Hölle entlassen werden, wo ihre Grenzen so stark überschritten wurden.

Ich bin schockiert, dass es in Deutschland solche Methoden noch gibt und niemand etwas dagegen tut. Im Gegenteil. Es erinnert an das Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer. Darüber habe ich auch schon geschrieben, es lag mir vor.

Was hier in dem Film gezeigt wird ist GEWALT!! Gewalt am Kind. Gewalt an kleinen Menschen, die keine Wahl haben, weil sie auf uns Erwachsenen angewiesen sind.

Sie würden sonst nicht überleben.