Alles begann mit dem Buch „Slow Family“ von Nicola Schmidt und Julia Dibbern. In einem Kapitel erzählte Nicola davon, dass sich ihre Kinder so sehr ein Haustier wünschten. So kam sie auf die Idee, die familiäre Tierhaltung in Form einer Haus-Fliege zu starten. Sie erhielt einen Namen, wohnte, aß und trank mit der Familie. Sie war ein Teil dieser, ein Mitglied der Gemeinschaft. Und die Kinder fanden es toll.

An genau diesem Abend, als ich dies las, trat ich versehentlich im halbdunklen Flur auf „etwas“. Es summte irritiert, so dass ich das Licht einschaltete. Und siehe da: Es war eine Fliege. Leider mehr tot als lebendig. Berührt von Nicolas Geschichte schob ich sie vorsichtig mit einem Stück Papier in ein Glas und sprach mit ihr. Früher hätte ich „so jemanden“ für bescheuert gehalten. 😉

Ich gab ihr den blumigen Namen Luise – ganz klar ein Weibchen! 😉 – und ging mit ihr Richtung Küche. Das Glas auf die Seite gelegt zerbröselte ich einen übrig gebliebenen Muffin direkt neben ihr. Dann holte ich eine Schüssel mit Wasser, die ich ebenfalls zu ihr stellte. Ich wollte unbedingt, dass sie es schafft. Vielleicht war sie ja nur hungrig und durstig? Sie bewegte auch ein wenig ihre Beinchen, was mich hoffen ließ.

Das Gefühl in mir, nichts mehr weiter für sie tun zu können, veranlasste mich, mein Bett aufzusuchen. Auf dem Weg dorthin drehte ich auf dem Absatz um und marschierte zurück zu Luise. Meine Güte, sie hat einen Namen, ich kann sie da jetzt nicht alleine lassen!!

Also stellte ich mich zu ihr und redete, was mir gerade einfiel: „Komm, nimm doch ein Stück von dem Muffin. Das wird dir gut tun. Ist Xylith drin. Und vegan. Also mach Dir keine Sorgen. Super gesund. Und schmeckt trotzdem.“

Dann fing ich an, mich bei ihr zu entschuldigen, dass ich sie nicht schon längst bemerkt hatte. Zu einem früheren Zeitpunkt hätte ich vielleicht echt noch was für sie tun können. Im Sommer beispielsweise wäre der Balkon als Rettungsort perfekt gewesen, doch bei Minusgraden hätte das ihren sicheren Tod bedeutet.

Schweren Herzens verabschiedete ich mich von Luise mit den Worten: „Ich wünsche Dir für die Nacht einen Schutzengel und viel Kraft“.

Am nächsten Morgen traute ich mich gar nicht recht in die Küche, um nachzusehen, wie es ihr geht. Mein Unbehagen bestätigte sich: Sie lag auf dem Rücken. Die Beinchen zuckten noch. Ich war echt traurig. Dies ist übrigens der Zeitpunkt, an dem unser Sohn das erste Mal von Luise hörte und sie auch sah. Mit zwei Jahren versteht er noch nicht, was da gerade passiert, aber er hat mir tatkräftig dabei geholfen, eine Erdnuss zu knacken, damit wir einen Sarg für Luise bauen konnten.

      

In diesen legten wir sie sehr vorsichtig hinein, zogen uns an und gingen raus um einen schönen Ort zu suchen, wo sie ihre letzte Ruhe finden und sicher ihren Weg zu den Engeln antreten kann. Haben wir gefunden. Söhnchen buddelte mit seinem Spaten, so gut das bei der gefrorenen Erde möglich war, ein kleines Loch und legte die Erdnussschale samt Luise vorsichtig – so vorsichtig das eben geht mit zwei Jahren 😉 – in die Grube.

      

Wir dankten ihr noch einmal, dass sie für eine Nacht Teil unserer Familie war und dass sie uns gelehrt hat, dass man auch zu klitzekleinen Lebewesen eine Beziehung aufbauen kann.

R.I.P. liebe Luise. Unsere gemeinsame Zeit war kurz aber intensiv.

Habt ihr das schon mal ausprobiert? In dem Moment, in dem ihr egal welchem Tier einen Namen gebt, baut ihr eine Beziehung zu ihm auf. Da fällt mir ein: Meine Mutter hat das früher mit den Spinnen im Haus versucht, leider vergebens. Die Angst blieb.

Also, ich revidiere: Funktioniert nicht bei jedem „Tier“. 😉

PS: Toll, wozu selbstbetreute Kinder so Zeit haben, oder? 😀