Melanie ist Mama von zwei Jungs im Alter von 1 und 5 Jahren. Sie wohnt seit 2002 in Berlin und kommt gebürtig aus Sachsen-Anhalt.

Seit 2016 betreibt sie ihren Blog www.kleinermensch.net, wo sie über die Themen Bindung, bedürfnisorientiertes Leben, Erziehung und die kindliche Entwicklung schreibt.

Im Interview erzählt sie von ihrer Kindheit, der Erziehung ihrer Eltern und dem bedürfnisorientierten Weg, den sie mit ihren Kindern eingeschlagen hat. Außerdem könnt ihr lesen, was sie sich von der Gesellschaft und der Politik für die Zukunft wünscht!

 

Inwiefern hat dich deine Kindheit geprägt?

Ich habe noch die klassisch autoritäre Erziehung genossen. Ich wurde auch schreien gelassen, wie wahrscheinlich die meisten meines Jahrgangs. Ich durfte im Endeffekt nicht so sein, wie ich bin. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, dass ich Angst hatte. Angst vor den Konsequenzen, die mir blühten, wenn ich mich nicht so verhalten habe, wie erwartet.

Ich war schon immer ein recht empfindsamer Mensch. “Sei nicht immer so sensibel” hieß es dann und meine Gefühle wurden heruntergespielt und nicht ernstgenommen. Heute weiß ich, dass ich sensibel sein darf. Dass ich all meine Empfindungen fühlen darf. Sie haben eine Daseinsberechtigung und dürfen erhört werden. Ich darf so sein, wie ich bin.

 

Mit welchen alten Mustern kämpfst du heute noch?

In gestressten Situationen merke ich immer, wie etwas in mir hochkommt und ich dann weniger bedürfnisorientiert sein kann. Ich fühle mich dann überfordert und teilweise auch hilflos. Vor allem, wenn zu viele Bedürfnisse aufeinanderprallen. Wenn ich beispielsweise müde oder hungrig bin und schnell nach Hause möchte, die Kinder aber nicht! Dann werde ich schnell ungeduldig. Dann möchte ich am liebsten sofort meinen Willen durchsetzen, was auf Dauer natürlich immer wieder zu Konflikten führen kann. Es ist dann so, als würden meine Eltern in diesem Moment aus mir herausbrechen wollen. Ich verhalte mich dann so, wie ich es aus tiefstem Herzen nicht möchte.

Aber ich arbeite weiterhin daran, die liebevolle Mutter zu sein, die jedes Kind verdient hat. Es ist ein Prozess. Und Kinder verzeihen zum Glück vieles. Wenn ich mal wieder ungerecht war, entschuldige ich mich auch bei meinen Kindern. Selbst unser großer Sohn entschuldigt sich jetzt auch schon bei mir, wenn er etwas über die Stränge geschlagen hat. Kinder machen uns ja alles nach, das Positive aber auch das Negative. Und sie spiegeln uns jedes Mal aufs Neue und wir dürfen dann genauer hinschauen und uns in Verbesserung üben.

 

Wie ist das Verhältnis zu deinen Eltern heute? Konntest du ihnen verzeihen?

Teils, teils. Es gibt immer noch Momente, in denen ich spüre, dass leider immer noch die alten Erziehungsfloskeln durchkommen, obwohl ich doch mittlerweile schon erwachsen bin. Ich kann mich aber nun dagegen behaupten, weil ich nicht mehr klein und wehrlos bin. Ich kann STOP sagen, bis hierhin und nicht weiter und ich kann auch den Kontakt pausieren lassen, wenn es mir zu viel wird. Vor allem dann, wenn gleiche Sätze (“Dann geh ich eben alleine”) meinen Kindern gegenüber fallen, die ich schon in meiner Kindheit gehört habe. Da schreit mein inneres Kind auf und ich kämpfe wie eine Löwenmama dagegen an.

Verzeihen? Ja, ich denke ich bin mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo ich vergessen kann, was passiert ist. Sie haben es nicht böse gemeint, wussten es nicht besser. Kannten sich nicht mit der kindlichen Entwicklung aus, dass es bspw. wichtig ist, seine Emotionen ausleben zu dürfen, damit man die Verbundenheit mit sich selbst nicht verliert! Dass es wichtig ist seine Autonomie ausleben zu dürfen, um auch später selbstständig und verantwortungsbewusst im Leben zu stehen.

Ich habe mich lange mit dem Thema auseinandergesetzt und leider ist die schwarze Pädagogik auch an meinen Eltern nicht vorbeigezogen. Ich denke, sie hatten es sogar schlimmer als ich. Und deshalb kann ich ihnen heute nicht mehr böse sein. Sie kennen mich und meinen Blog und wissen, dass ich zu dem Weg stehe, den ich mit meinen Kindern heute gehen möchte. Ich denke auch, sie können sich manch einen “Fehler” nicht eingestehen, weil es zu tief verletzen würde. Reflektion ist dafür aber das A und O.

 

Wann hat es bei dir „Klick“ gemacht?

Kurz vor meiner ersten Schwangerschaft las ich das Buch von Jean Liedloff “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück”. Danach folgten „Geborgene Babys: Beziehung statt Erziehung“ von Julia Dibbern und „Unsere Kinder brauchen uns“ von Gordon Neufeld. Diese Bücher öffneten mir die Augen. Mir war klar: ich lasse meine Kinder nicht schreiend im Bettchen liegen. Ich möchte, dass sie eine gute Bindung zu mir haben. Wir kauften uns eine Trage, bauten ein Beistellbettchen und ich stillte nach Bedarf. Meine Kinder sollten nicht so aufwachsen wie ich. Ich möchte sie nicht irgendwie verbiegen und an mich anpassen, sondern ich lasse sie, so wie sie sind. Jedenfalls gebe ich jeden Tag mein Bestes dafür. Sie sollen sich rundum geborgen und sicher fühlen, um sich wirklich gut zu entwickeln.

 

Findest du den bedürfnisorientierten Weg einfach?

Jain. Alle Bedürfnisse zu achten ist nicht immer einfach. Vor allem bei einer 4-köpfigen Familie. Oder auch bei zwei Kindern, die sich noch Mitten in der emotionalen Entwicklung und Autonomiephase (Link: https://www.kleinermensch.net/autonomiephase-und-emotionale-entwicklung-wenn-zwei-entwicklungsphasen-aufeinanderprallen/) befinden und sich dann auch noch nicht so gut in andere hineinversetzen können. Ich gebe mein Bestes, scheitere aber auch ab und an mal. Ich kann mich nicht zweiteilen und versuche so viele Bedürfnisse, wie nur möglich zu erfüllen. Ich unterscheide da aber zwischen Bedürfnis und Wunsch.

Ich denke aber, dass wir es schwerer hätten, wenn wir klassisch erziehen würden. Allein, wenn ich darüber nachdenke, wie kränkend und verletzend so manch eine Erziehungsmethode ist (Stiller Stuhl, Drohungen, Strafen allgemein). Vertrauen geht dadurch flöten. Die Kinder kooperieren dann auch nicht so gut. Und auf Kooperation sind wir alle angewiesen. Bei der Erziehung mit festen Regeln, hat man als Elternteil immer noch die “Extraaufgabe”, die Regeln zu kontrollieren. Das ist doch anstrengend und raubt enorm viel Energie. Ich denke im Endeffekt lebt es sich einfacher und auch liebevoller, wenn alle gesehen und erhört werden. Wenn wir Verständnis zeigen, für die Belange der Kleinsten, was nicht immer heißen muss, dass sie dann alles bekommen, was sie gern hätten. Wir begleiten dann, bis sich das Kind wieder beruhigt hat und zeigen ihm, dass wir es trotzdem ernst nehmen.

 

Was wünscht du dir von der Gesellschaft?

Dass sie sich auch mehr nach den Bedürfnissen unserer Kinder richtet. Dass, bspw. keine ärztlichen Zwangsuntersuchungen gemacht werden (siehe Elternschule). Dass sie die Kinder so nehmen, wie sie sind. Ich erlebe des Öfteren, dass meine Kinder von Fremden angeraunzt werden, weil sie ihnen zu zappelig oder zu laut sind. Sie wissen anscheinend nicht, dass Kinder von Natur aus nicht lange still sitzen können. Sie erwarten von Kleinkindern, dass sie die Knigge beherrschen und sich in andere Leute hineinversetzen können. (Link: https://www.kleinermensch.net/fuer-einen-besseren-umgang-kinder-leichter-verstehen-teil-iv/) Die Leute wissen es oft nicht besser. Ich musste dennoch schon das ein oder andere Mal eingreifen, wenn es mir zu bunt wurde, wenn Fremde der Meinung sind, meine Kinder maßregeln zu müssen. Ich wünsche mir eine kinderfreundliche Gesellschaft (https://www.kleinermensch.net/aufruf-fuer-eine-kinderfreundliche-gesellschaft/), in der schon den Kleinsten auf Augenhöhe begegnet wird, wo sie mit Respekt behandelt werden – so wie sie es verdient haben.

 

Was müsste in der Politik passieren in Bezug auf unsere Kinder?

Die Politik weiß eigentlich schon seit einigen Jahren, dass die frühe Fremdbetreuung den Kindern nicht gut tut. Zig Studien belegen, dass zu frühe Fremdbetreuung hohen Stress für die Kleinen bedeutet. Dies kann man anhand von Cortisolmessungen beweisen. Die Kinder sind teilweise so gestresst, wie Topmanager, wenn ihr Laden den Bach runtergeht. Auch da wünsche ich mir, dass auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen wird, indem: vorrangig die Mutter aber auch der Vater die Chance erhalten, ihr Kind zumindest (!) in den ersten 3 Lebensjahren alleine zu betreuen. Dass sie dafür auch finanzielle Unterstützung bekommen und zwar mehr als das wieder abgeschaffte Betreuungsgeld von 150 € (wie lächerlich!).

Meines Wissens möchten eigentlich viel mehr Mamas ihre Kinder zuhause betreuen, können es aber aus finanziellen Gründen nicht. Diese Mamas müssen dann ihre Kinder in die Kita geben, obwohl dies völlig gegen ihr Herz- und Bauchgefühl spricht, nur damit sie über die Runden kommen. Das schmerzt natürlich. Die Bindung der Kinder leidet auch darunter. Kein Kind würde freiwillig in den Kindergarten gehen. Kitas wurden nicht für Kinder gemacht, sondern für erwerbstätige Erwachsene. Und vom miserablen Betreuungsschlüssel muss ich ja hier jetzt NICHT auch noch anfangen…

 

Danke, Mel, für diese interessanten, privaten Einblicke.

Hier gelangst Du zu meinem Interview und hier zum Interview von Lini von sindsokleinehaende.net. 

Du möchtest mehr von Melanie lesen?
Dann schau mal auf ihrer Facebook-Seite oder folge ihr auf Instagram.